Life, Love and Academia

Zuerst veröffentlicht am 10. September 2014.

Traditionell wird das neue akademische Jahr an amerikanischen Unis mit der „Convocation“ eingeleitet. Dafür begibt man sich meist festlich gekleidet in heilige Hallen und lauscht überwältigt von Gravitas den Episteln des Dekans, der über das enorme Glück, an einer Uni studieren zu dürfen, referiert.

Nicht so am Smith College.

Von Alters her nutzen geneigte „Smithies“ diesen Anlass, um sich zu zeigen, wie Gott sie schuf. Allerdings hat jedes „house“ seine eigenen Traditionen, an die sich die Hausbewohner halten sollen. Für mein house – Cutter house – wurde ein überraschend keusches Motto auserkoren : Western Style. Deshalb wurden wir in einer der zahllosen „house mails“ darum gebeten, doch bitte vom Nacktsein abzusehen und stattdessen als Kaktus oder Steppenläufer zu gehen. No kidding. Meine naive Vorstellung, mich als Cowgirl zu verkleiden, wurde schnell als unkreativ und „discriminating“ degradiert. Ausdrücklich verboten waren Verkleidungen als „Native American“, es sei denn, man sei selber einer/eine/eines. Sämtliche Verkleidungen, die Federn, Glasperlen oder Fransen enthalten würden, wurden im Vorfeld ausgeschlossen, da „racist“. Ein Kuh-Outfit wurde uns in einem persönlichen Gespräch mit dem „Head Resident“ ans Herz gelegt.

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Wir entschieden uns einstimmig, dieses Angebot abzulehnen. Und so gingen wir alle (nur Vincent, der einzige Mann unserer Truppe, schlang sich eine Frankreichflagge um seinen entblößten 19jährigen Körper und genoß den ganzen Abend über nonstop weibliche Begleitung), against all odds, als verunglückte Cowgirls zum Convocation Barbecue.

Das Zeitfenster zwischen Barbecue und offizieller Semestereröffnung nutzten die Undergraduates um sich hemmungslos zu betrinken. Convocation ist das einzige Event an dem dies gesattet ist. Kein Wunder, sind die Mädels doch erst zarte 17 Jahre alt, wenn sie hier beginnen.

Die offizielle Convocation fand in der monumentalen John M. Greene Hall statt. Die Feierlichkeit der Örtlichkeit statt in krassem Widerspruch zur Montur der Studentinnen. Auf der Bühne saß die „Faculty“ in ihren Roben, angetan mit Blumenschmuck und Federboas. Im Publikum ungefähr 500 alkoholisierte Studentinnen mit den unterschiedlichsten Kostümen. Die einen Evagleich, viele in Lingerie, die meisten mit Plastiksonnenblumen an den unterschiedlichsten Körperteilen. Und mittendrin die AMS-Studenten in verbotenen Westernoutfits.

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Die Präsidentin des College, Kathleen McCartney hielt die Convocationspeech. Beflügelt von der orgiastischen Stimmung rief sie in die gröhlende Menge, die Federboa schwenkend:

„You are global citizen. You care about fossil fuels, about the Gaza conflict and Russia violating Ukraines border“.

So empowered brachen sämtliche Dämme und es folgte minutenlanges ohrenbetäubendes Gebrüll. Daraufhin wurde ein Video eines Auftritts der Black Eyed Peas vom Times Square in NYC gezeigt und alles tanzte wild zu „I gotta feeling, that tonight´s gonna be a good night“. Als sich die Menge wieder beruhigt hatte, setze McCartney gemeinsam mit der Vize-Präsidentin und der Dekanin noch eines drauf und entledigte sich ihrer Robe. Sehr zur Enttäuschung der Anwesenden verbargen sie darunter jedoch nur ihre eigens gedruckten Convocation T-Shirts. Überraschend gesittet wurde die Veranstaltung abgerundet durch ein klassisches Lied. Während alle aus vollem Halse die Hymne schmetterten, wurde ein Mädchen von ihren geschockten Freundinnen aus dem Publikum getragen. Das ganze Gesicht voller Blut, halb ohnmächtig aber gleichzeitig noch „Gaudeamus igitur“ schmetternd. Sie wurde der Campus Police übergeben, denn man hatte es eilig – Convocation Carnival rief.

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Das College hatte keine Unkosten gescheut und so genoss man den Rest des Abends bei Pizza, Icecream (of course) and Lemonade (zwecks Ausnüchterung). Eine DJAne war eigens eingeflogen worden, zu deren Musik man sich ein Airbrush Tatoo machen lassen, auf einer Hüpfburgen springen oder einen mechanischen Bullen reiten konnte. Viele der Mädels flippten völlig aus und so tanzten wir bis in die späte Nacht und rundeten den Abend ab mit einem Blick in das eigens herbeigeschaffte Teleskop.

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Und nach einem Blick auf den von Kratern übersäten Mond konnte das neue endlich Semester beginnen.

 

 

 

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Northampton Stories

Welcome to NoHo

Welcome to NoHo

 

 

Zuerst veröffentlicht am 7. September 2014.

Die ersten beiden Nächte in Northampton verbrachte ich in einem Inn nahe des Highway 91 gen Kanada in einem Queensizebett. Dort genoss ich erstmalig amerikanisches TV. Da sich das aber als intellektuelle Körperverletzung entpuppte, machte ich mich bald auf, um Northampton zu erkunden.

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„NoHo is the city that never sleeps“ hat man mir erklärt

Northampton, von geneigten Hipstern NoHo genannt, ist eine Stadt von 30 000 Einwohnern im Herzen des Pioneer Valley im westlichen Massachusetts. Gerne auch Happy Valley genannt, ist die Region eine Hochburg des alternativen Lebens in den USA und Northampton ist ihr Zentrum und die nördlichste Stadt des „Knowledge Corridors“. Dieser erstreckt sich vom südlichen Connecticut zum nördlichen Massachusetts und bezieht seinen Namen von den vielen Colleges die hier angesiedelt sind. Allein in unmittelbarer Nähe von Northampton befinden sich fünf der besten Colleges der USA und Smith College ist eines davon. Im letzten US-Census wurde Northampton zur liberalsten amerikanischen mittelgroßen Stadt erklärt.

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Paradise City

Northamptons Status als progressive Gemeinschaft, die sich für die Gleichheit aller seiner Bewohner einsetzt ist  historisch verankert: Von 1842 bis 46 hatte sich hier eine utopische Gemeinschaft niedergelassen, die die Speerspitze der Bewegung für die Abschaffung der Sklavenhaltung und für die Gleichbehandlung aller, egal welchen Geschlechts, Hautfarbe oder Glauben, bildete. Wohl wegen dieser fortschrittlichen Gedanken wurde Northampton fortan auch „Paradise City“ genannt. Heute ist einer der meist verbreiteten Nicknames der Stadt allerdings „Lesbianville“ wegen seiner großen LGBTQ- Gemeinschaft, die sich, ganz im Geiste der Bewegung des 19. Jahrhunderts, hier angesiedelt hat.

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Haymarket Cafe – Treffpunkt für die gesundheitsbewussten Hipster

Und in der Tat wirkt NoHa wie eine in Patchouliduft getränkte Utopie. Auf der Main Street reiht sich ein alternativer Bookshop an den anderen, gelegentlich unterbrochen von dem obligatorischen Ethnoschmuck-Geschäft oder einem Naturkostladen. In den vielen Cafés sitzen die Studenten der nahen Colleges mit ihren Apple Computern, daneben elegant ein Werk eines europäischen Existenzialisten drapiert und schlürfen ihren Smoothie mit Spirulina, Chiaseeds und Ginseng.

Obwohl ich erst drei Wochen hier bin, kenne ich viele Ladeninhaber bereits persönlich. Da wäre der nette Pakistani mit der angenehmen Stimme, der mir meinen Telefonvertrag verkaufte und meint, „Gays“ seien gefährlich. Der Türke, der „Pizza Amore“ betreibt und Verwandte in Hamburg hat, der Ecuadorianer im Ethnoshop und die Smith Graduate im anderen Ethnoshop, deren Freundin durch Räucherstäbchen einen Brand im Smith-Wohnheim auslöste. Smith College ist hier eine feste Größe und sobald man sich als „Smithie“ zu erkennen gibt, wird man äußerst zuvorkommend behandelt.

 

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Northampton ist Gastgeber von Amerikas größter Art Fair

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In NoHa geht man noch zu Fuß. Ungewöhnlich für eine amerikanische Stadt

Auf den Straßen der Stadt ist immer etwas los, zu jeder Tages- und Nachtzeit konkurrieren mindestens zwei Straßenmusiker um die Gunst der entspannten Passanten. Kunst spielt hier eine sehr große Rolle, es gibt zahlreiche Galerien und viele Künstler sitzen auf den Bänken auf der Mainstreet und malen. Und so hat Northampton seinen eigenen entspannten Charme.
Als ich vor einigen Tagen ein nervenaufreibendes einstündiges Telefonat mit meiner deutschen Bank führte, saß ich auf einer Bank an der Main Street. Ich war genervt angesichts der Tatsache, dass ich kein Geld vom Automaten bekam, doch neben mir saß in aller Seelenruhe ein silberhariger Maler und zeichnete mit Hingabe und Ruhe eine Blumenranke, während ich auf die Deutsche Bank Mitarbeiterin einredete. Das verlieh der Situation doch eine gewisse Poesie und relativierte die Aufregung. (Dass er nach Ende des Telefonates das Wort ergriff um zu verkünden, er wolle nun nach Germany traveln, um in der Bank Amok zu laufen, soll hier jedoch nicht verschwiegen bleiben. Nichts ist so wie es scheint…)

Mein Glückssträhne bezüglich Schenkungen ging übrigens weiter. Im Hotel bekam ich ein Aufladegerät fürs Handy geschenkt und im Campus Computer Store drückte mir die schicke Inhaberin ein ausgedientes Aufladegerät für meinen Mac in die Hand. Wenn das mal kein gutes Omen ist

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Up Close and a Little Too Personal

Zuerst veröffentlicht am 29. September 2014.

Vor einigen Wochen war die Autorin Piper Kerman für ein “Up Close and Personal” am College zu Gast. Jene hatte, nachdem sie 1992 vom Smith College graduiert worden war, dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass sie sich in ihrer Zeit als Kellnerin in Downton Noho in eine Drogendealerin verliebte. Die verführte sie unter anderem dazu Drogen zwischen Europa und Amerika zu schmuggeln. Dies brachte Kerman ein Jahr Gefängnis ein. Aber, hey, we´re in America – das Land der 2. Chancen: Kerman schrieb ein hocherfolgreiches Buch namens “Orange is the new Black”, einem weiteren Publikum durch die erfolgreiche TV-Serie gleichen Namens bekannt. Die Serie ist hier am College ein Hit, bestimmt nicht zuletzt weil lesbischer Sex ein integraler Bestandteil der Story ist. Da Kermans Buch und die Serie solche Verkaufsschlager sind, zieht sie nun durch die Lande als prison activist und kämpft für eine Reform des Criminal Justice System. Was genau das heisst, blieb im Verborgenen. Das Event war als Interview aufgezogen, bei dem eine andere Alumna, eine Journalistin, Kerman interviewen sollte.

Der Verlauf und die Diskussionspunkte des Gespräches lehrten mich einiges über Smith und sein (oder ihr?) Selbstverständnis und war eine Art Erweckungserlebnis nach 1,5 Monaten Smith-Honeymoon-Bliss.

Nachdem Piper Kerman in bester Politikermanier mit Frisch geföhntem Haar und Etuikleid, milde in die Menge winkend die Bühne betreten und die endlosen Mikrotechnikprobleme (es gibt sie überall…) überwunden hatte, kam die Interviewerin auch schon zur Sache: Kerman solle kurz umreißen, warum ihre Smith Education so „outstanding“ war (dass diese sie straight in den Drogenhandel geführt hatte, blieb an dieser Stelle vorerst ausgeklammert). Es folgte unter tosendem Applaus die inzwischen altbekannte Abhandlung über die “incredibly strong, smart, fearless, independent Smith Women”, die alle “leader” seien. Das Publikum konnte sich kaum mehr beruhigen. Der Treffer lag auf Kermans Seite. Nach diesem schmeichelnden Präludium galoppierte man weiter zur nächsten Frage, die uns alle unter den Nägeln brannte „ How do you define your sexuality?“ Schließlich hatten die Folgen eines lesbischen „fling“ sie hinter Gittern gebracht, ist nun aber verheiratet mit einem New Yorker Journalisten. Diese Frage an zweite Stelle eines 90 minütigen Interviews zu stellen, ist typisch für den Umgang mit (lesbischer) Sexualität am College. Die eigene Sexualität ist nicht Teil einer Identität, sie ist das alles konsumierende Zentrum, so scheint es.

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Smith College zeichnet sich dadurch aus, jungen Frauen den Raum zu geben, die eigene Identität zu erkunden und zu eruieren, wie sie am liebsten leben wollen. Zufällig oder nicht, gibt es hier von alters her eine große lesbische Community, die Rechte von Homo- und inzwischen auch Transsexuellen spielen eine große Rolle. In jeder Disziplin liegt ein besonderer Fokus auf homosexueller Literatur, Geschichte, Musik etc.

Das Thema der (sexuellen) Identität ist hier so delikat, dass man sich vereinzelt unsicher ist, mit welchem Pronomen frau ihre Nachbarin belegen soll. Ist sie wohl eine „she“ oder ein „he“ oder möchte sie lieber neutral „they“ sein? Für die Unentschlossenen wurde eigens das Pronom „ze“ geschaffen. Jede Begrüßungsrunde beginnt damit, dass man sich mit seinem „preferred gender pronoun“ vorstellt. Soweit so gut.

Es ist gut und wichtig, dass auf die mangelnde Gleichberechtigung von Homosexuellen aufmerksam gemacht wird. Ausserdem lohnt es sich über die gängigen Geschlechtszuweisungen und die Folgen für diejenigen, die sich damit nicht identifizieren können, nachzudenken. Es stärkt nicht nur das Verständnis für die Probleme derer, die sich nicht eindeutig mit einem Geschlecht identifizieren können, sondern lässt Einen vermeintliche gesellschaftliche Konstanten hinterfragen, die man bis dato als gegeben hingenommen hatte. Smith College nimmt als Geburtsort neuer Ideen im Kampf um Gleichberechtigung eine zentrale Rolle in den USA ein. So wird es zumindest dargestellt. Schaut man jedoch hinter die Kulissen zeigt sich ein anderes Bild. Laut meiner Geschichtsprofessorin Darcy (ja, wir nennen unsere Profs beim Vornamen, meine Creative Writing Lehrerin ist Pam), ihres Zeichens stolze SWAG (Scholar of Women and Gender) war sie 2003 die erste weibliche Assistant Professor im History Department. Als die Schriftstellerin Jill Ker Conway im Jahr 1975 zur ersten weiblichen Präsidentin des Smith College berufen wurde, musste sie sich jahrelang ein Gefecht liefern mit den Stimmen des männlichen Lehrpersonals, die eine Frau an der Spitze nicht akzeptieren konnten. Wer hätte das gedacht von einem College das landes- wenn nicht weltweit für „female empowerment“ steht?

Doch zurück zu „Das Private ist politisch“. Dies ist hier keine umstrittene Idee, sondern unumstößlicher Konsens.

Nachdem wir die Debatte um Kermans Sexualität hinter uns gebracht hatten („I’m bisexual so, I’m a member of the gay community“ – aufatmen im Publikum, wähnte man sie doch schon auf ewig verloren) kam es nach zäher Selbst-Promotion endlich auf ihr Engagement für eine Gefängnisreform. 200 000 Frauen sitzen derzeit in den USA hinter Gittern, viele sind drogenabhängig, psychisch krank oder leiden an den Folgen von sexuellem und psychischem Missbrauch. Viele der Frauen sind Mütter oder bringen während des Gefängnisaufenthaltes Kinder zur Welt. Die Unterbringung in den state prisons wird den speziellen Nöten von inhaftierten Frauen nicht gerecht, sie bekommen keine Ressourcen für ihre Kinder gestellt, keine Hilfe für ihre psychischen Leiden oder ihre Drogensucht. Nur wenige Frauen finden zurück in einen geregelten Alltag, da der Gefängnisaufenthalt sie aus ihrem alten Leben riss ohne sie auf ein neues Leben vorzubereiten. Die meisten Frauen haben entweder Hispanische oder Afroamerikanische Wurzeln, da diese wesentlich schneller verhaftet werden, als ihre weißen Kolleginnnen.

All das möchte Piper Kerman ändern. Wie blieb im Dunkeln. Es gab drängendere Fragen. Zum Beispiel die, ob sie im Knast wirklich eine lesbische Affäre hatte, obwohl sie verlobt war, wie es in der Serie dargestellt wird.

Nachdem wir uns an den Details der Gefängnisunterbringung von Frauen erfolgreich vorbei manövriert hatten, wurde die Fragerunde eingeleitet. Es gab drängende Fragen zu klären: In welchem Haus sie gelebt hätte? „Chapin House – Chapin is the best“ [minutenlanges Jauchzen, gewürzt mit Buhrufen von allen nicht Chapin-Bewohnerinnen]. Dies provozierte die unvermeidliche Frage, in welchem Zimmer sie gewohnte habe (das im 3. Stock mit Fenster zum See oder das mit Kamin?)?

Dann war die Fragerunde auch schon wieder vorbei und es wurde zur Autogrammstunde geladen. Schließlich gab es ein Buch zu verkaufen.

 

Dancing Barefoot

Nach einem zweimonatigen arbeits- und schneebedingten Hiatus, ist Grace Barfuss mit einem ersten Gastautoren zurück.

Der Besuch eines Konzertes von Punklegende Patti Smith Ende Dezember war das Highlight unseres New York Aufenthaltes. Smith nahm uns mit auf eine Reise in ein New York, in dem es noch möglich war „Outside of Society“ zu leben, bevor Punkkneipen zu Modeboutiquen wurden. Musikfreak Thure schildert seine Eindrücke.

Wenn der musikalische Geschmack hauptsächlich bei Bands beheimatet ist, die in den 70ern ihre Karriere begonnen haben, ist mit der einen oder anderen Enttäuschung nach einem Konzert zu rechnen: Stimmen, die ihrer Aufgabe schon lange nicht mehr gewachsen sind, lustlos heruntergeschretterte Gitarrensoli oder eine Performance, die so einstudiert wirkt, dass trotz vorhandener Perfektion die Darbietung langweilt und keine Verbindung zwischen Band und Publikum besteht.

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Und dann gibt es Musiker, die auch nach jahrzehntelanger Karriere die Musik auf der Bühne zum Leben erwecken. Musiker, die bei einem Konzert Songs immer wieder neu erfinden und Studioaufnahmen wie sterile Cover ihrer selbst wirken lassen. Bei den jährlichen Konzerten um Ihren Geburtstag in der Webster Hall in New York City hat Patti Smith bewiesen, dass sie diesem Anspruch gerecht werden kann.

Die Erwartungen am 29. Dezember 2014 waren hoch, als Patti Smith die Bühne betrat und den Überraschungsgast des Abends ankündigte. Nach jahrelanger Pause ohne jegliche eigene Performance öffnete der ehemalige Sänger von R.E.M. den Abend mit einem angespielten „People Have The Power“, bevor er in eine halbstündige Setlist überging, die neben Covern wie das von Liza Minelli und Frank Sinatra bekannt gewordene „New York, New York“ und „Wing“ von Patti Smith auch eigene Kompositionen beinhaltete. So spielte der von Patti Smiths Tochter Jesse Paris Smith und einem weiteren Gitarristen begleitete Stipe wohl zum ersten Mal live „Saturn Return“, neben „New Test Leeper“ von R.E.M. und wandte sich damit eher unbekannteren und vielleicht auch etwas obskuren Liedern der Band zu. Während sich die einschlägigen Medien im Nachhinein mehr dem Auftritt Michael Stipes zuwandten und somit Patti Smith etwas die Show stahlen, blieb doch im Mittelpunkt der Fakt eines Auftritts des Sängers und nicht die eigentliche Performance. Und so bleibt die Performance auch als ein Auftritt eines lange abstinenten und in letzter Zeit der Photographie gewidmeten Künstlers in Erinnerung, der erneut den Weg zur Bühne gefunden hat: Technisch und gesanglich überzeugend, jedoch trotz allem der etwas fade Beigeschmack einer Vorgruppe, die den Auftritt des Headliners nicht ganz erreichen kann.

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Das  Niveau des Abends wurde durch Patti Smith und ihre Band bestimmt, als „She is Benediction, She is Addicted to Her“ den Opener „Dancing Barefoot“ lyrisch einleiten. Bereits in den ersten 30 Sekunden lies sich von dem Abend vieles erhoffen: Die Stimme Smiths ist auch mit fast 68 Jahren vollkommen überzeugend und wirkt kräftiger und selbstbewusster als 1976, dem Jahr als „Dancing Barefoot“ auf „Easter“, dem zweiten Album Smiths, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Gitarrensoli fügen sich besser in das Gesamtgefüge des Songs ein und die Band zeigt ihre musikalische Qualität mit viel Spielfreude. Der weitere Abend ist gekennzeichnet durch eine aufeinander eingespielte Band und Patti Smith als Entertainerin, die gezielt mit dem Publikum spielt und somit für den einen und anderen Lacher sorgte. Dies ist zum einen sicherlich der Stadt New York zuzuschreiben, in der Patti Smith in dem kreativen Milieu der 1970er Jahre groß geworden ist. So beziehen sich die Ansagen zwischen den Songs des öfteren auf die Möglichkeit die New York damals geboten hat: Eine Möglichkeit „Outside of Society“ zu leben, wie es in „Rock n‘ Roll Nigger“ zelebriert wird. Und somit wirkt das Konzert trotz der Energie, die die Band transportiert teilweise etwas nostalgisch. Die Geschichten, die Patti Smith zwischen den Songs erzählt sind zeitlich fast alle in den 1970er Jahren angesiedelt und wirken teilweise etwas anachronistisch. Es wird ein New York zu einer Zeit zelebriert, als sich die Stadt als einer der wenigen Orte zeigte, die eine kreative Szene boten, um wirklich neues zu schaffen und damit auf ein Publikum zu treffen. Und genau dadurch konnte Patti Smith zu einem Genre beitragen, das sich damals „Outside of Society“ bewegte, heute jedoch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: Punk. Selbst wenn New York heute weiterhin ein großes kreatives Milieu bietet, hat die herausragende Bedeutung New Yorks sicherlich abgenommen. Die Stadt hat sich verändert, der ehemalige Punk-Club CBGB ist geschlossen und beheimatet heute eine Boutique der Edelmarke John Varvatos. Und so lässt sich doch die Frage stellen ob die Zeilen aus „New York, New York“ auch heute noch einen logischen Zusammenhang bieten.

„New York, New York
I want to wake up in a city
That never sleeps
And find I’m a number one
Top of the list“

Es ist jedoch fraglich, ob das Publikum, obwohl es teilweise die 1970er Jahre nicht aktiv miterlebt haben dürfte, von einem Star der 1970er Jahre etwas anderes erwartet, oder gar eine kritische Reflektion begrüßen würde. Umso erfreulicher erwies sich in diesem Zusammenhang die Setlist, die sich nicht nur aus Material der 1970er Jahre zusammensetzte und eine gesunde Mischung aus der gesamten Schaffensphase Patti Smiths bot. Der Schwerpunkt lag zwar weiterhin auf den früher Alben der damaligen Patti Smith Group, doch fügten sich die Songs des letzten Albums „Banga“ aus dem Jahr 2012 erstaunlich gut in die Setlist mit ein und zeigten mit dem Titelsong „Banga“ die Livequalitäten der neueren Stücke. Als einziges Manko in der Setlist hat sich lediglich das fast 10 minütige Stück „About a Boy“ herausgestellt. Das über Kurt Cobain geschriebene Stück kann vielleicht lyrisch überzeugen, wirkt live jedoch träge und langweilig. Die Band hat dies wohl auch erkannt und ersetzte den Song in dem nachfolgenden Konzert mit „Aint it Strange“, was ein hervorragendes Spiel zwischen Patti Smiths Stimme und der Gitarre Lenny Kayes zum Vorschein brachte. Das Nirvana Cover „Smells Like Teen Spirit“ feierte dabei den verstorbenen Künstler umso mehr. Akustisch und etwas balladrest wird das Lied in neuem Gewand vorgetragen und zeigt gerade dadurch eine Hommage an den verstorbenen Songwriter. Auffällig in der Setlist war jedoch das Fehlen des gesamten Debut-Albums „Horses“. Gerade dieses zeigt die Qualität des Œuvre Patti Smiths. Welcher Künstler kann schon eines seiner Schlüsselwerke, das ein gesamtes Musikgenre beeinflusste, aus einem Konzert verbannen und trotzdem auf eine Setlist zurückgreifen, die dem Künstler vollkommen gerecht wird?

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2015 wird Patti Smith auf einer anstehenden Tour „Horses“ dahingegen regelrecht feiern und in gesamter Länge spielen. Zu dem 40-jährigen Bestehen des Albums ist eine ausgedehnte Tour geplant, die Patti Smith auch nach Deutschland bringen wird. Ausgehend von der Qualität des 29. Dezember Konzertes lässt sich hierbei nur die Empfehlung aussprechen die Chance Patti Smith live sehen zu können zu ergreifen. Selbst wenn die Ansagen durch fehlende New York Referenzen nicht so umfangreich sein werden und somit der Entertainer Smith etwas in den Hintergrund geraten wird, wird doch weiterhin das Überzeugen, was ein gutes Konzert letztendlich ausmacht: Mit Energie und Kreativität vorgetragene Songs, die neu erfunden werden und Studioversionen wie fade Cover wirken lassen.

Die Tourdaten für Deutschland:

22.06.2015 Frankfurt am Main, Alte Oper

23.06.2015 Köln, Tanzbrunnen

12.07.2015 Lörrach, Stimmen Festival

13.07.2015 München, Tollwood Festival

16.07.2015 Singen, Hohentwiel Festival

07.08.2015 Luhmühlen, A Summer’s Tale Festival

08.08.2015 Dresden, Junge Garde

11.08.2015 Berlin, Tempodrom

Link zur Setlist des Konzertes:

http://www.setlist.fm/setlist/patti-smith/2014/webster-hall-new-york-ny-23cd6087.html

Christmas in New York

 

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Ladies and Gentlemen – besinnlich möchte ich meine New York Reihe beenden.

Weihnachten feierte ich mit einem aus der Heimat herbeigeeilten Prinzen in der Stadt die niemals schläft.

Nach einem pancake schwangeren Frühstück machten wir uns auf in die Stadt, um in der legendären City Bakery eine heiße Schokolade zu trinken – flüssiges Gold aus to-go-Bechern. Danach eilten wir durch den Regen zum Washington Square Park an dessen Arch – eine Replika des Pariser Arche de Triomphe – das traditionelle Christmas carolling stattfand. Regenschirm und Taschenlampe balancierend fielen wir ein in den Chorus und sangen Klassiker von O Come All Ye Faithful und Joy to the World über White Christmas bis zu Frosty The Snowman.

Anschließend bahnten wir uns den Weg durch das Meer von emporgereckten Kameras vorbei am Weihnachtsbaum und wanderten durch die leergefegte Stadt, bevor wir uns zu Hause dem Weihnachtsmahl hingaben. Es wurde Brie en Croute, an Kartoffelmousse und Rotkohl gespeist. Das perfekte Dinner für das erste Freudenfest fern der Heimat: Brie en Croute kocht sich der Amerikaner, wenn er sich französisch fühlen möchte; Kartoffelbrei darf nicht fehlen bei einem amerikanischen Festtagsmahl und der Rotkohl war „a nod“ an die Heimat.

Underground is Overground

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New York ist nichts für gestresste Gemüter, ein Wochenende in Manhattan als Flucht vor dem hektischen Alltag ist keine gute Idee, die Navigation durch Midtowns Shoppingzonen, dieses Meer von stets emporgereckten Telefonen und ipads und die Steinwüsten Chelseas sind nichts für den geistig rastlosen.

Der Mensch ist aber ein Gewohnheitstier und so werden schier unendliche subwayfahrten mit der Zeit zum willkommenen Ort der Kontemplation. Die begeisterte New York Touristin nimmt dieselbe stoische Haltung der Metropendler ein und lernt, das Gleichgewicht zu halten in ruckelnden Bahnen in denen alle Festhaltemöglichkeiten verstellt sind.

Die Subways sind wie ein Mikrokosmos der Stadt, die sich oberirdisch abspielt: Pendler aller Couleur, jeglicher states of intoxication, unterschiedlicher Vorstellungen von angemessener körperlicher Nähe, Ideen von Lautstärkeregelungen und  Geduldspegeln sind zusammengepfercht auf engstem Raum. In der New Yorker u-Bahn ist der gemeine Großstädter gezwungen, an seinen Stressleveln und seiner Gelassenheit zu arbeiten, sonst ist er verloren.

Viele nutzen deshalb die endlosen Bahnfahrten in die outter boroughs -wer kann sich schon ein pied a terre auf Manhattan leisten- zum lesen, email schreiben (als entwurf, Internet ist unterirdisch sogutwie nonexistent), Musik hören, schlafen, sudoku spielen.

Tuesday night in the city. Die zweite Ladung derer, die es nicht mehr in die übervolle Bahn geschafft haben

 

 

 

 

New York, New York!

New York schlaucht. Es stinkt, ist laut, voll und die U-Bahnen machen was sie wollen… Und trotzdem kommt man wie elektrisiert spät abends nach Hause, von geistiger Müdigkeit keine Spur. New York scheidet die Geister, die Einen sind nur genervt und wollen von klaustrophobischen Gefühlen übermannt, ohne Umwege Manhattan verlassen.

6th Avenue durch das West Village

6th Avenue durch das West Village

Andere erobern die Stadt mit Begeisterung block für block, erfreuen sich an den legendären gelben Taxen, inhalieren den dicken Dunst von Abgasen und nehmen unzählige Videos von Strassenmusikern mit ihren Telefonen auf (um sie an Freunde zu schicken, die sich angesichts schlechter Qualität nur ein gequältes „nice“ abringen können). Sie unternehmen Raubzüge im East Village, wo einst der Punk seinen Ursprung fand und stehen vor den Schaufenstern der zahllosen „pierogi-places“ in der Lower East Side, wo sich einst osteuropäische Immigranten niederließen, nur um dann doch jeden Abend mit Begeisterung den fried rice vom Chinesen um die Ecke zu verzehren, weil sie sich angesichts der Flut von Wahlmöglichkeiten wieder nicht entscheiden konnten.

Sie flanieren durch Soho am südlichen Zipfel der Insel Manhattan, das legendäre Gebiet SOuth of HOuston Street, heute stomping ground für die Reichen und Schönen, die sich durch die überteuerten Boutiquen schieben. Trotzdem wandelt die New York Begeisterte über das Kopfsteinpflaster und stellt sich vor, wie früher hungernde und frierende Künstler in den zugigen Lofts gegen Ratten kämpften. Die Künstler sind längst vertrieben von der allgegenwärtigen Gentrifizierung und denen, die tatsächlich mit Kunst Geld verdienen – mit ihrer eigenen und der Kunst Anderer: Die Schauspieler in Soho und im West Village, den Galeristen in Chelsea und den reichen Museumsmäzenen wie die Kosmetikfamilie Lauder in der Park Avenue.

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New York ist die Welthauptstadt des Geldes, über die einem Taxifahrer nur zu gerne berichten. Auf einer Fahrt gen Uptown passiert man einen riesigen Appartmentkomplex. Die erstklassige Lage mit Blick auf den Hudson River wird nur dadurch gedämpft, dass zwischen Appartment und River der riesige, achtspurige Westside Highway verläuft. Weil in Amerika nichts unmöglich ist, wollte der Besitzer dieses Komplexes den Highway ganz einfach umlegen. Diesem Plan wurde zwar nicht stattgegeben, nun aber wird seit 2006 ein Tunnel gegraben. Der Kopf – oder sollte ich sagen das Ego – hinter dieser Idee war kein geringerer als Immobilienmagnat Donald Trump (der treue Blogleser kennt Trump aus meinem älteren blog über Coney Island). Hausnummern wie Trump sind diejenigen, die in der City das Sagen haben, weshalb seit Jahren Brooklyn der Zufluchtsort für die von der Insel Manhattan Vertriebenen ist. Inzwischen sind die Mieten in den Hipsterenklaven von Williamsburg, Brooklyn Heights und Park Slope aber auch schon so durch die Decke gegangen, dass viele die Stadt ganz verlassen wollen. Chicago erlebt Aufwind, erzählt man sich.

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Der geneigte New York Besucher versucht diese Entwicklung aber auszublenden und gibt sich lieber der romantischen Illusion hin. Wer weniger an protzigen Immobilienprojekten interessiert ist, braucht in New York allerdings einen Funken Fantasie: New York bezieht seinen Charme zu einem großen Teil durch „Erinnerungen“ an längst vergangene Zeiten– an die roaring twenties, in denen die Frauen von Haar und Korsage befreit in prohibitionsära Bars den Charleston tanzten; an das 19. Jahrhundert, in dem Einwanderer aus aller Welt auf Ellis Island erste Schritte zum großen Glück in der neuen Welt machten; und an die Zeit, als in Europa der zweite Weltkrieg tobte und New York seine erste Hochzeit als sicherer Hafen für Intellektuelle und Flüchtlinge aus Europa erlebte.

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Zurück auf dem harten Boden der breiten boardwalks New Yorks, irgendwann zwischen 2014 und 2015, erhaschen Lichtprojektionen auf der Fassade des Kaufhauses Saks auf der 5th Avenue die Aufmerksamkeit des müden Wanderers: Die zu Weihnachtsjazz tanzenden Schattengestalten wirken zuerst furchtbar kitschig. Wenn man dann aber doch innehält – das Smartphone zückend – kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass es sich hier nicht nur um gekünstelten Abklatsch handelt. Alles wirkt seltsam authentisch.

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Als ich neulich durch Chelsea schlenderte kam mir ein Gedanke.

OK, das stimmt nicht. Als ich neulich über einen Titel für meinen letzten Post grübelte, kam mir der Gedanke. Beziehungsweise, mir kam ein Bild. Das Bild vom Turmbau zu Babel. Die erste Version klingt irgendwie besser. Let´s face it, es soll ja auch gut klingen, aber dennoch –  ich habe mich weiterhin der Wahrheit verschrieben.

Anyways, auf der Suche nach einem Titel für meinen post über multikulti- New York, schoss mir der Gedanke an den Turmbau zu Babel und sein Symbol für den Ursprung aller Sprachen in den Kopf.

Die Bibel berichtet vorm Turmbau zu Babel als ein Versuch, durch die Höhe des Bauwerkes Gott gleich zu kommen und eine gemeinsame Sprache zu finden. In der bildenden Kunst wurde der Turm häufig zum Symbol für die menschliche Hybris stilisiert. Das lässt sich doch auch auf New York anwenden, oder? Die hochaufgeschossenen Bauwerke wie das Empire State Building, das Chrysler Building und das neue One World Trade Center mögen nach 9/11 mit neuen Bedeutungen belegt worden sein, zumindest vorher standen sie aber immer auch für einen amerikanischen Größenwahn und Hybris. Der Turmbau zu Babel gilt gleichzeitig auch als Geburtstande der verschiedenen Weltsprachen, denn von dort aus schickte Gott die Menschen mit unterschiedlichen Sprachen in die Welt. In New York ist es andersherum: Menschen aus aller Welt kamen in die Stadt, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Ich finde, das Bild des Turms zu Babel passt gut zum Größenwahn Manhattans mit seinen abgehobenen Immobilienprojekten auf der einen Seite und dem Status als Einwandererstadt par excellence auf der anderen Seite, oder was meint ihr?

3 Weeks in Babel

Das beste an New York ist seine Vielfältigkeit. Nach drei Wochen New York war ich nicht nur in den USA, sondern auch in Italien, China, der Dominikanischen Republik und Kuba. Besonders eindrücklich war ein Trip nach Odessa…

New York ist nicht Amerika. New York ist Mumbai, Peking, Santo Domingo, Havanna, Nizza, Mailand, Malaga, Lissabon, Kiew und Moskau gleichzeitig. Die Stadt ist nicht nur Sitz der Vereinten Nationen, sie ist die vereinten Nationen. Es bedarf nur einen Trip zu einem grocery store in Inwood, im Norden Manhattans und die faszinierendsten Früchte werden von einem spanischsprechenden Verkäufer für seine Landsleute feilgeboten. Zwei Blöcke weiter werden russisches Gebäck und rote Beete in allen Aggregatzuständen von einer russischen Verkäuferin angepriesen, die zwar kein englisch, dafür aber deutsch spricht. Je nachdem wo man sich befindet, eine, zugegebenermaßen zeitweise beschwerliche, u-Bahnfahrt und man ist in einem anderen Land.

Unersättlich wie der Mensch nun einmal ist, entschieden wir uns deshalb eines morgens, nicht nur nach Coney Island, sondern auch in die Ukraine zu fahren: Little Odessa war das erklärte Ziel.

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Und so fanden wir uns nach unserem Spaziergang durch den geisterhaften Vergnügungspark Coney Island in einer Mischung aus Kiew und Sankt Petersburg wieder. Der berühmte Borschtsch im Restaurant “Tatiana´s” lockte. Ein beheiztes, dunkles Vorzelt mit Plastiktischdecken bildete den wenig versprechenden Eingangsbereich dieser New Yorker Institution, das an den berühmten hölzernen Boardwalk grenzt. Abenteuerlustig drangen wir in die Katakomben vor, wo uns ein geschäftiger Kellner auf Russisch empfing und uns, vorbei an üppig gedeckten, kronleuchterbeschienenen Tischen, in einen fensterlosen Raum führte.

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Maria, die Mutter Gottes blickte milde von der stoffbezogenen Tapete auf uns herab, während wir uns zögerlich auf den schleifengeschmückten Stühlen niederließen. Kronleuchter über jedem Tisch stellten sicher, dass wir die üppige Karte bestens studieren konnten, in der zweisprachig aufs amerikanischste die „awesome beetroot soup“ (Borschtsch) angepriesen wurde. Nach einigen Unklarheiten über die Fleischlosigkeit der diversen Teigtaschen, bestellten wir bei einer Kellnerin, die ausschließlich russisch sprach. Dank meiner begnadeten Russischkünste, bestellte ich mittels dreier Vokabeln Borschtsch, Kartoffeln und pierogi .

Da saßen wir dann bei russischen Klängen, in einem Meer von blutroten, Goldpapier umrankten Christrosen und wärmten die unterkühlten Glieder bei einem köstlichen Borschtsch auf. Einzig die mürrisch dreinblickenden Küchenhilfen, die maulig riesige Müllsäcke durch den Essenssaal schliffen, erinnerten noch an Amerika.

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In Nickel Empire

5 Cent – ein Nickel – kostete um 1900 eine Bahnfahrt von Manhattan nach Coney Island. Die Halbinsel am südlichsten Zipfel Brooklyns mauserte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum nahegelegenen Erholungsort für den gestressten Großstädter. Bis zu 100 000 Manhattanites strömten zu Hochzeiten täglich an den künstlich aufgeschütteten Strand. Sie flohen vor schlecht bezahlter Arbeit aus ihren rattenverseuchten Apartments, um im “Nickel Empire” ein Bad zu nehmen und die mitgebrachten Sandwiches zu verzehren. Wer es sich leisten konnte, gönnte sich für 10 Cent einen Hotdog bei Feltman´s oder einige Jahre später einen „crab burger“ bei Nathan´s.

150 Jahre und mehrere Immobilienbooms, Wirtschaftskrisen und Sturmfluten später weckt die Halbinsel nur noch entfernte, melancholische Erinnerungen an eine Zeit voll Kinderjauchzen bei Tag und entfesselten Ausschweifungen bei Nacht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde das einstige Kanninchenjagdgebiet Schauplatz bitterer Immobilienkriege, angeführt durch Vater und Sohn Trump, die hier einst eine Beerdigung für den Freizeitpark, inklusive “Bestattung” des Riesenrades, inszenierten. Stillgelegte Achterbahnen, Karussells und das berühmte „Wonder wheel“ lassen den Wanderer von heute auf dem hölzernen „boardwalk“ längst vergangenen glücklichen Zeiten nachsinnen.

 

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