Up Close and a Little Too Personal

Zuerst veröffentlicht am 29. September 2014.

Vor einigen Wochen war die Autorin Piper Kerman für ein “Up Close and Personal” am College zu Gast. Jene hatte, nachdem sie 1992 vom Smith College graduiert worden war, dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass sie sich in ihrer Zeit als Kellnerin in Downton Noho in eine Drogendealerin verliebte. Die verführte sie unter anderem dazu Drogen zwischen Europa und Amerika zu schmuggeln. Dies brachte Kerman ein Jahr Gefängnis ein. Aber, hey, we´re in America – das Land der 2. Chancen: Kerman schrieb ein hocherfolgreiches Buch namens “Orange is the new Black”, einem weiteren Publikum durch die erfolgreiche TV-Serie gleichen Namens bekannt. Die Serie ist hier am College ein Hit, bestimmt nicht zuletzt weil lesbischer Sex ein integraler Bestandteil der Story ist. Da Kermans Buch und die Serie solche Verkaufsschlager sind, zieht sie nun durch die Lande als prison activist und kämpft für eine Reform des Criminal Justice System. Was genau das heisst, blieb im Verborgenen. Das Event war als Interview aufgezogen, bei dem eine andere Alumna, eine Journalistin, Kerman interviewen sollte.

Der Verlauf und die Diskussionspunkte des Gespräches lehrten mich einiges über Smith und sein (oder ihr?) Selbstverständnis und war eine Art Erweckungserlebnis nach 1,5 Monaten Smith-Honeymoon-Bliss.

Nachdem Piper Kerman in bester Politikermanier mit Frisch geföhntem Haar und Etuikleid, milde in die Menge winkend die Bühne betreten und die endlosen Mikrotechnikprobleme (es gibt sie überall…) überwunden hatte, kam die Interviewerin auch schon zur Sache: Kerman solle kurz umreißen, warum ihre Smith Education so „outstanding“ war (dass diese sie straight in den Drogenhandel geführt hatte, blieb an dieser Stelle vorerst ausgeklammert). Es folgte unter tosendem Applaus die inzwischen altbekannte Abhandlung über die “incredibly strong, smart, fearless, independent Smith Women”, die alle “leader” seien. Das Publikum konnte sich kaum mehr beruhigen. Der Treffer lag auf Kermans Seite. Nach diesem schmeichelnden Präludium galoppierte man weiter zur nächsten Frage, die uns alle unter den Nägeln brannte „ How do you define your sexuality?“ Schließlich hatten die Folgen eines lesbischen „fling“ sie hinter Gittern gebracht, ist nun aber verheiratet mit einem New Yorker Journalisten. Diese Frage an zweite Stelle eines 90 minütigen Interviews zu stellen, ist typisch für den Umgang mit (lesbischer) Sexualität am College. Die eigene Sexualität ist nicht Teil einer Identität, sie ist das alles konsumierende Zentrum, so scheint es.

itnb

Smith College zeichnet sich dadurch aus, jungen Frauen den Raum zu geben, die eigene Identität zu erkunden und zu eruieren, wie sie am liebsten leben wollen. Zufällig oder nicht, gibt es hier von alters her eine große lesbische Community, die Rechte von Homo- und inzwischen auch Transsexuellen spielen eine große Rolle. In jeder Disziplin liegt ein besonderer Fokus auf homosexueller Literatur, Geschichte, Musik etc.

Das Thema der (sexuellen) Identität ist hier so delikat, dass man sich vereinzelt unsicher ist, mit welchem Pronomen frau ihre Nachbarin belegen soll. Ist sie wohl eine „she“ oder ein „he“ oder möchte sie lieber neutral „they“ sein? Für die Unentschlossenen wurde eigens das Pronom „ze“ geschaffen. Jede Begrüßungsrunde beginnt damit, dass man sich mit seinem „preferred gender pronoun“ vorstellt. Soweit so gut.

Es ist gut und wichtig, dass auf die mangelnde Gleichberechtigung von Homosexuellen aufmerksam gemacht wird. Ausserdem lohnt es sich über die gängigen Geschlechtszuweisungen und die Folgen für diejenigen, die sich damit nicht identifizieren können, nachzudenken. Es stärkt nicht nur das Verständnis für die Probleme derer, die sich nicht eindeutig mit einem Geschlecht identifizieren können, sondern lässt Einen vermeintliche gesellschaftliche Konstanten hinterfragen, die man bis dato als gegeben hingenommen hatte. Smith College nimmt als Geburtsort neuer Ideen im Kampf um Gleichberechtigung eine zentrale Rolle in den USA ein. So wird es zumindest dargestellt. Schaut man jedoch hinter die Kulissen zeigt sich ein anderes Bild. Laut meiner Geschichtsprofessorin Darcy (ja, wir nennen unsere Profs beim Vornamen, meine Creative Writing Lehrerin ist Pam), ihres Zeichens stolze SWAG (Scholar of Women and Gender) war sie 2003 die erste weibliche Assistant Professor im History Department. Als die Schriftstellerin Jill Ker Conway im Jahr 1975 zur ersten weiblichen Präsidentin des Smith College berufen wurde, musste sie sich jahrelang ein Gefecht liefern mit den Stimmen des männlichen Lehrpersonals, die eine Frau an der Spitze nicht akzeptieren konnten. Wer hätte das gedacht von einem College das landes- wenn nicht weltweit für „female empowerment“ steht?

Doch zurück zu „Das Private ist politisch“. Dies ist hier keine umstrittene Idee, sondern unumstößlicher Konsens.

Nachdem wir die Debatte um Kermans Sexualität hinter uns gebracht hatten („I’m bisexual so, I’m a member of the gay community“ – aufatmen im Publikum, wähnte man sie doch schon auf ewig verloren) kam es nach zäher Selbst-Promotion endlich auf ihr Engagement für eine Gefängnisreform. 200 000 Frauen sitzen derzeit in den USA hinter Gittern, viele sind drogenabhängig, psychisch krank oder leiden an den Folgen von sexuellem und psychischem Missbrauch. Viele der Frauen sind Mütter oder bringen während des Gefängnisaufenthaltes Kinder zur Welt. Die Unterbringung in den state prisons wird den speziellen Nöten von inhaftierten Frauen nicht gerecht, sie bekommen keine Ressourcen für ihre Kinder gestellt, keine Hilfe für ihre psychischen Leiden oder ihre Drogensucht. Nur wenige Frauen finden zurück in einen geregelten Alltag, da der Gefängnisaufenthalt sie aus ihrem alten Leben riss ohne sie auf ein neues Leben vorzubereiten. Die meisten Frauen haben entweder Hispanische oder Afroamerikanische Wurzeln, da diese wesentlich schneller verhaftet werden, als ihre weißen Kolleginnnen.

All das möchte Piper Kerman ändern. Wie blieb im Dunkeln. Es gab drängendere Fragen. Zum Beispiel die, ob sie im Knast wirklich eine lesbische Affäre hatte, obwohl sie verlobt war, wie es in der Serie dargestellt wird.

Nachdem wir uns an den Details der Gefängnisunterbringung von Frauen erfolgreich vorbei manövriert hatten, wurde die Fragerunde eingeleitet. Es gab drängende Fragen zu klären: In welchem Haus sie gelebt hätte? „Chapin House – Chapin is the best“ [minutenlanges Jauchzen, gewürzt mit Buhrufen von allen nicht Chapin-Bewohnerinnen]. Dies provozierte die unvermeidliche Frage, in welchem Zimmer sie gewohnte habe (das im 3. Stock mit Fenster zum See oder das mit Kamin?)?

Dann war die Fragerunde auch schon wieder vorbei und es wurde zur Autogrammstunde geladen. Schließlich gab es ein Buch zu verkaufen.

 

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