Christmas in New York

 

20141224_174608

Ladies and Gentlemen – besinnlich möchte ich meine New York Reihe beenden.

Weihnachten feierte ich mit einem aus der Heimat herbeigeeilten Prinzen in der Stadt die niemals schläft.

Nach einem pancake schwangeren Frühstück machten wir uns auf in die Stadt, um in der legendären City Bakery eine heiße Schokolade zu trinken – flüssiges Gold aus to-go-Bechern. Danach eilten wir durch den Regen zum Washington Square Park an dessen Arch – eine Replika des Pariser Arche de Triomphe – das traditionelle Christmas carolling stattfand. Regenschirm und Taschenlampe balancierend fielen wir ein in den Chorus und sangen Klassiker von O Come All Ye Faithful und Joy to the World über White Christmas bis zu Frosty The Snowman.

Anschließend bahnten wir uns den Weg durch das Meer von emporgereckten Kameras vorbei am Weihnachtsbaum und wanderten durch die leergefegte Stadt, bevor wir uns zu Hause dem Weihnachtsmahl hingaben. Es wurde Brie en Croute, an Kartoffelmousse und Rotkohl gespeist. Das perfekte Dinner für das erste Freudenfest fern der Heimat: Brie en Croute kocht sich der Amerikaner, wenn er sich französisch fühlen möchte; Kartoffelbrei darf nicht fehlen bei einem amerikanischen Festtagsmahl und der Rotkohl war „a nod“ an die Heimat.

Werbeanzeigen

Underground is Overground

DSC_0071

New York ist nichts für gestresste Gemüter, ein Wochenende in Manhattan als Flucht vor dem hektischen Alltag ist keine gute Idee, die Navigation durch Midtowns Shoppingzonen, dieses Meer von stets emporgereckten Telefonen und ipads und die Steinwüsten Chelseas sind nichts für den geistig rastlosen.

Der Mensch ist aber ein Gewohnheitstier und so werden schier unendliche subwayfahrten mit der Zeit zum willkommenen Ort der Kontemplation. Die begeisterte New York Touristin nimmt dieselbe stoische Haltung der Metropendler ein und lernt, das Gleichgewicht zu halten in ruckelnden Bahnen in denen alle Festhaltemöglichkeiten verstellt sind.

Die Subways sind wie ein Mikrokosmos der Stadt, die sich oberirdisch abspielt: Pendler aller Couleur, jeglicher states of intoxication, unterschiedlicher Vorstellungen von angemessener körperlicher Nähe, Ideen von Lautstärkeregelungen und  Geduldspegeln sind zusammengepfercht auf engstem Raum. In der New Yorker u-Bahn ist der gemeine Großstädter gezwungen, an seinen Stressleveln und seiner Gelassenheit zu arbeiten, sonst ist er verloren.

Viele nutzen deshalb die endlosen Bahnfahrten in die outter boroughs -wer kann sich schon ein pied a terre auf Manhattan leisten- zum lesen, email schreiben (als entwurf, Internet ist unterirdisch sogutwie nonexistent), Musik hören, schlafen, sudoku spielen.

Tuesday night in the city. Die zweite Ladung derer, die es nicht mehr in die übervolle Bahn geschafft haben

 

 

 

 

New York, New York!

New York schlaucht. Es stinkt, ist laut, voll und die U-Bahnen machen was sie wollen… Und trotzdem kommt man wie elektrisiert spät abends nach Hause, von geistiger Müdigkeit keine Spur. New York scheidet die Geister, die Einen sind nur genervt und wollen von klaustrophobischen Gefühlen übermannt, ohne Umwege Manhattan verlassen.

6th Avenue durch das West Village

6th Avenue durch das West Village

Andere erobern die Stadt mit Begeisterung block für block, erfreuen sich an den legendären gelben Taxen, inhalieren den dicken Dunst von Abgasen und nehmen unzählige Videos von Strassenmusikern mit ihren Telefonen auf (um sie an Freunde zu schicken, die sich angesichts schlechter Qualität nur ein gequältes „nice“ abringen können). Sie unternehmen Raubzüge im East Village, wo einst der Punk seinen Ursprung fand und stehen vor den Schaufenstern der zahllosen „pierogi-places“ in der Lower East Side, wo sich einst osteuropäische Immigranten niederließen, nur um dann doch jeden Abend mit Begeisterung den fried rice vom Chinesen um die Ecke zu verzehren, weil sie sich angesichts der Flut von Wahlmöglichkeiten wieder nicht entscheiden konnten.

Sie flanieren durch Soho am südlichen Zipfel der Insel Manhattan, das legendäre Gebiet SOuth of HOuston Street, heute stomping ground für die Reichen und Schönen, die sich durch die überteuerten Boutiquen schieben. Trotzdem wandelt die New York Begeisterte über das Kopfsteinpflaster und stellt sich vor, wie früher hungernde und frierende Künstler in den zugigen Lofts gegen Ratten kämpften. Die Künstler sind längst vertrieben von der allgegenwärtigen Gentrifizierung und denen, die tatsächlich mit Kunst Geld verdienen – mit ihrer eigenen und der Kunst Anderer: Die Schauspieler in Soho und im West Village, den Galeristen in Chelsea und den reichen Museumsmäzenen wie die Kosmetikfamilie Lauder in der Park Avenue.

DSC_1152

New York ist die Welthauptstadt des Geldes, über die einem Taxifahrer nur zu gerne berichten. Auf einer Fahrt gen Uptown passiert man einen riesigen Appartmentkomplex. Die erstklassige Lage mit Blick auf den Hudson River wird nur dadurch gedämpft, dass zwischen Appartment und River der riesige, achtspurige Westside Highway verläuft. Weil in Amerika nichts unmöglich ist, wollte der Besitzer dieses Komplexes den Highway ganz einfach umlegen. Diesem Plan wurde zwar nicht stattgegeben, nun aber wird seit 2006 ein Tunnel gegraben. Der Kopf – oder sollte ich sagen das Ego – hinter dieser Idee war kein geringerer als Immobilienmagnat Donald Trump (der treue Blogleser kennt Trump aus meinem älteren blog über Coney Island). Hausnummern wie Trump sind diejenigen, die in der City das Sagen haben, weshalb seit Jahren Brooklyn der Zufluchtsort für die von der Insel Manhattan Vertriebenen ist. Inzwischen sind die Mieten in den Hipsterenklaven von Williamsburg, Brooklyn Heights und Park Slope aber auch schon so durch die Decke gegangen, dass viele die Stadt ganz verlassen wollen. Chicago erlebt Aufwind, erzählt man sich.

DSC_0053

Der geneigte New York Besucher versucht diese Entwicklung aber auszublenden und gibt sich lieber der romantischen Illusion hin. Wer weniger an protzigen Immobilienprojekten interessiert ist, braucht in New York allerdings einen Funken Fantasie: New York bezieht seinen Charme zu einem großen Teil durch „Erinnerungen“ an längst vergangene Zeiten– an die roaring twenties, in denen die Frauen von Haar und Korsage befreit in prohibitionsära Bars den Charleston tanzten; an das 19. Jahrhundert, in dem Einwanderer aus aller Welt auf Ellis Island erste Schritte zum großen Glück in der neuen Welt machten; und an die Zeit, als in Europa der zweite Weltkrieg tobte und New York seine erste Hochzeit als sicherer Hafen für Intellektuelle und Flüchtlinge aus Europa erlebte.

DSC_0050

Zurück auf dem harten Boden der breiten boardwalks New Yorks, irgendwann zwischen 2014 und 2015, erhaschen Lichtprojektionen auf der Fassade des Kaufhauses Saks auf der 5th Avenue die Aufmerksamkeit des müden Wanderers: Die zu Weihnachtsjazz tanzenden Schattengestalten wirken zuerst furchtbar kitschig. Wenn man dann aber doch innehält – das Smartphone zückend – kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass es sich hier nicht nur um gekünstelten Abklatsch handelt. Alles wirkt seltsam authentisch.

In Nickel Empire

5 Cent – ein Nickel – kostete um 1900 eine Bahnfahrt von Manhattan nach Coney Island. Die Halbinsel am südlichsten Zipfel Brooklyns mauserte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum nahegelegenen Erholungsort für den gestressten Großstädter. Bis zu 100 000 Manhattanites strömten zu Hochzeiten täglich an den künstlich aufgeschütteten Strand. Sie flohen vor schlecht bezahlter Arbeit aus ihren rattenverseuchten Apartments, um im “Nickel Empire” ein Bad zu nehmen und die mitgebrachten Sandwiches zu verzehren. Wer es sich leisten konnte, gönnte sich für 10 Cent einen Hotdog bei Feltman´s oder einige Jahre später einen „crab burger“ bei Nathan´s.

150 Jahre und mehrere Immobilienbooms, Wirtschaftskrisen und Sturmfluten später weckt die Halbinsel nur noch entfernte, melancholische Erinnerungen an eine Zeit voll Kinderjauchzen bei Tag und entfesselten Ausschweifungen bei Nacht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde das einstige Kanninchenjagdgebiet Schauplatz bitterer Immobilienkriege, angeführt durch Vater und Sohn Trump, die hier einst eine Beerdigung für den Freizeitpark, inklusive “Bestattung” des Riesenrades, inszenierten. Stillgelegte Achterbahnen, Karussells und das berühmte „Wonder wheel“ lassen den Wanderer von heute auf dem hölzernen „boardwalk“ längst vergangenen glücklichen Zeiten nachsinnen.

 

Zum Bilder anschauen, bitte erstes Bild anklicken!










We Believe in Freedom – Do We?

Mein erstes Smith-Semester biegt in die Zielgerade ein und die Stresslevel schnellen in die Höhe. Aber guess what, unglaublich aber wahr, draussen dreht sich die Welt weiter.

Während sich die Nachrichten aus Amerika seit zwei Tagen vorwiegend um die erschreckenden Enthüllungen über die “advanced interrogation methods” der CIA drehen, sind die Erschießungen von zahllosen Afroamerikanern ohne ersichtlichen Grund durch die Polizei weiterhin ein virulentes Thema hier am College und in den USA im allgemeinen. Seit der Entscheidung der Ferguson-Jury, Darren Wilson, den Mörder Browns, nicht anzuklagen und meinem letzten Blog zu dem Thema hat sich einiges getan. Weitere, fragwürdige Details aus der „Entscheidungsfindung“ der Jury sind aufgetaucht. Wie etwa die Debatte um „Witness No. 40“, die behauptet Brown in einer bedrohlichen Pose vor Polizist Wilson beobachtet zu haben. Der linke Fernsehsender msnbc veröffentlichte einen ihrer Tagebucheinträge, der belegen soll, dass sie tatsächlich zur Tatzeit Zeugin des Geschehens gewesen sein konnte. Dieser Tagebucheintrag wirkt jedoch so fingiert, dass man kein Profiler sein muss, um ihn in Frage zu stellen. Ausserdem hatte Witness No. 40 wiederholt mit rassistischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht und ihr Auto, mit dem sie angeblich am Tatort vorbeifuhr, wurde dort nie gesichtet. Dies wirft Fragen auf in einem Land, dass über omnipräsente Überwachungskameras – CCTV – verfügt. Und die zweifelhaften Gestalt Witness 40 ist nur ein Fragezeichen, das der Prozess der Ferguson-Jury aufwirft.

(Hier mehr zu Witness No 40: http://www.msnbc.com/all-in/watch/ferguson–was-witness-40-even-there–369446467820)

Abgesehen davon, erlebe ich hier hautnah, wie ein Land und seine – vermeintliche – intellektuelle Elite von morgen versucht, Antworten zu finden. Antworten darauf, wie man mit dem immer noch erschreckend grassierenden Rassismus im Land umgehen kann. Wieso es in einem Land mit einem schwarzen Präsidenten soweit kommen konnte, dass 12-jährige Kinder – wie im Falle von Tamir Rice – erschossen werden. Wie Männer erwürgt werden, da sie angeblich unversteuerte Zigaretten verkauften, wie im Falle Eric Garners. Und wie Michael Brown, ein 17-jähriger unbewaffneter Junge erschossen und sein Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wird.

Und auch die Kontroverse um die, mindestens ungeschickte, College-Präsidentin Kathleen McCartney geht in eine neue Runde. Die neueste spielte sich auf Fox News ab. In einer e-Mail an alle Studenten hatte sie Unterstützung für die #blacklifesmatter Kampagne zeigen wollen, schrieb jedoch versehentlich #alllifesmatter. Was hier als ein weiterer ihrer vielen Fauxpas im Umgang mit Rassismus gewertet wurde, feierte Fox News: denn „all lives matter indeed“ und sie hätte es nur moralisch korrekt formuliert. Es ist wohl inzwischen bis nach Deutschland vorgedrungen, dass Foxnews die buchstäbliche Ausgeburt von tendenziellem, einseitigen und ultrakonservativen „Journalismus“ ist. Man ist dort stolz auf seinen Ruf als das Sprachrohr der erzkonservativen „Tea Party“… (Hier gehts zum Link zum Foxnewsbeitrag: http://insider.foxnews.com/2014/12/11/smith-college-president-kathleen-mccartney-apologizes-saying-all-lives-matter)

Unterdessen ging die Auseinandersetzung mit der Situation auf dem Campus weiter: Empörte Mails über den sprachlichen Lapsus der Präsidentin wurden durch den Äther geschickt. Passionierte Facebook-Aufrufe für eine Petition an die sturmumtoste Präsidentin, einen Bus zum Millions March in New York City, der großen Demo/Rememberance, aus Collegegeldern zu finanzieren, wurden geschaltet (stattgegeben!). Am Tag vor dem March in NYC bietet das Campus Center einen Raum voller Materialien an, mittels derer man Banner für die Demo für den Solidaritäts-March basteln kann. Man kann ihnen nicht unterstellen, dass sie sich nicht bemühen…

Und eine Gruppe von Studentinnen wurde nicht müde, an das Schicksal der Getöteten zu erinnern. Am letzten Sonntag lud der Gleeclub zu seinem alljährlichen Christmas-Carolling – Weihnachtssingen – ein. Es waren zwei Veranstaltungen angesetzt – eine am Nachmittag und eine am Abend. Um Solidarität mit den afroamerikanischen Opfern der Polizeigewalt zu zeigen, trugen viele Chorsängerinnen schwarze Seidenbänder am Handgelenk. Doch das reichte einer Gruppe von Demonstrantinnen nicht. Sie hatten sich vor der Konzerthalle positioniert und versuchten, das gutbesuchte Weihnachtskonzert zu boykottieren. Sie kritisierten den Chor, ein Weihnachtskonzert zu veranstalten, obwohl es wichtigeres gäbe. Sie sangen in Endlosschleife in ein Megafon We who believe in freedom cannot rest, We who believe in freedom cannot rest until it comes – Ella´s Song von der Gruppe Sweet Honey in the Rock.

20141207_205017

Einige der Glee-Chorsängerinnen waren zutiefst empört über die Störung ihres Konzertes und warfen ihre Solidaritätsarmbänder frustriert von sich. Nachdem das zweite Konzert mit der gedämpften Untermalung durch Ella´s Song aus dem Megafon von jenseits der Konzerthaustüren seinem Ende zuging, kam es jedoch zur Katharsis. Die Dean of Religious Affairs des College lud die Demonstrantinnen mitsamt ihrer Transparente auf die Bühne und bat uns alle gemeinsam, Ella´s Song zu singen.

Einige Tage später wurde der alltäglich Lunch in der Dining Hall unterbrochen. Eine Studentin, bewaffnet mit dem obligatorischen Megafon, erklomm einen Stuhl in Mitte der Mensa und stimmte die vertraute Melodie an. Sie und ihre 7 Mitstreiterinnen sangen aus vollem Herzen, die speisenden Gäste konnten sich jedoch nicht dazu motivieren, das Besteck aus der Hand zu legen, geschweige denn einzustimmen. Die Demonstrantinnen verlasen daraufhin die erschreckenderweise nicht enden wollende Liste der getöteten Afroamerikaner, und es dauerte gefühlte Stunden bis die Liste ihrem Ende zu kam. Ich weiss nicht, ob es sich dabei nur um das Jahr 2014 handelte oder die Liste weiter zurück reicht, aber die Anzahl von Namen war verstörend. Als die Liste endlich am Ende war, riefen die Mädels zu einer Schweigeminute auf und alle blickten betreten auf ihren Lunch (inzwischen hatten auch die Härtesten aufgehört zu essen). Eine der jüngeren Demonstrantin, selbst schwarz, brach so sehr in Tränen aus, dass sie sich nicht mehr beruhigen konnte. Als sich die lunching Ladies nach Ende der Schweigeminute wieder ihrem Essen zugewendet hatten, formten die 8 Demonstrantinnen einen Kreis, die weinende Kameradin in der Mitte, und stimmten „Lean on me“ von Bill Withers an.

Lean on me when you’re not strong

And I’ll be your friend, I’ll help you carry on

For it won’t be long

‚Til I’m gonna need somebody to lean on