In Nickel Empire

5 Cent – ein Nickel – kostete um 1900 eine Bahnfahrt von Manhattan nach Coney Island. Die Halbinsel am südlichsten Zipfel Brooklyns mauserte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum nahegelegenen Erholungsort für den gestressten Großstädter. Bis zu 100 000 Manhattanites strömten zu Hochzeiten täglich an den künstlich aufgeschütteten Strand. Sie flohen vor schlecht bezahlter Arbeit aus ihren rattenverseuchten Apartments, um im “Nickel Empire” ein Bad zu nehmen und die mitgebrachten Sandwiches zu verzehren. Wer es sich leisten konnte, gönnte sich für 10 Cent einen Hotdog bei Feltman´s oder einige Jahre später einen „crab burger“ bei Nathan´s.

150 Jahre und mehrere Immobilienbooms, Wirtschaftskrisen und Sturmfluten später weckt die Halbinsel nur noch entfernte, melancholische Erinnerungen an eine Zeit voll Kinderjauchzen bei Tag und entfesselten Ausschweifungen bei Nacht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde das einstige Kanninchenjagdgebiet Schauplatz bitterer Immobilienkriege, angeführt durch Vater und Sohn Trump, die hier einst eine Beerdigung für den Freizeitpark, inklusive “Bestattung” des Riesenrades, inszenierten. Stillgelegte Achterbahnen, Karussells und das berühmte „Wonder wheel“ lassen den Wanderer von heute auf dem hölzernen „boardwalk“ längst vergangenen glücklichen Zeiten nachsinnen.

 

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We Believe in Freedom – Do We?

Mein erstes Smith-Semester biegt in die Zielgerade ein und die Stresslevel schnellen in die Höhe. Aber guess what, unglaublich aber wahr, draussen dreht sich die Welt weiter.

Während sich die Nachrichten aus Amerika seit zwei Tagen vorwiegend um die erschreckenden Enthüllungen über die “advanced interrogation methods” der CIA drehen, sind die Erschießungen von zahllosen Afroamerikanern ohne ersichtlichen Grund durch die Polizei weiterhin ein virulentes Thema hier am College und in den USA im allgemeinen. Seit der Entscheidung der Ferguson-Jury, Darren Wilson, den Mörder Browns, nicht anzuklagen und meinem letzten Blog zu dem Thema hat sich einiges getan. Weitere, fragwürdige Details aus der „Entscheidungsfindung“ der Jury sind aufgetaucht. Wie etwa die Debatte um „Witness No. 40“, die behauptet Brown in einer bedrohlichen Pose vor Polizist Wilson beobachtet zu haben. Der linke Fernsehsender msnbc veröffentlichte einen ihrer Tagebucheinträge, der belegen soll, dass sie tatsächlich zur Tatzeit Zeugin des Geschehens gewesen sein konnte. Dieser Tagebucheintrag wirkt jedoch so fingiert, dass man kein Profiler sein muss, um ihn in Frage zu stellen. Ausserdem hatte Witness No. 40 wiederholt mit rassistischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht und ihr Auto, mit dem sie angeblich am Tatort vorbeifuhr, wurde dort nie gesichtet. Dies wirft Fragen auf in einem Land, dass über omnipräsente Überwachungskameras – CCTV – verfügt. Und die zweifelhaften Gestalt Witness 40 ist nur ein Fragezeichen, das der Prozess der Ferguson-Jury aufwirft.

(Hier mehr zu Witness No 40: http://www.msnbc.com/all-in/watch/ferguson–was-witness-40-even-there–369446467820)

Abgesehen davon, erlebe ich hier hautnah, wie ein Land und seine – vermeintliche – intellektuelle Elite von morgen versucht, Antworten zu finden. Antworten darauf, wie man mit dem immer noch erschreckend grassierenden Rassismus im Land umgehen kann. Wieso es in einem Land mit einem schwarzen Präsidenten soweit kommen konnte, dass 12-jährige Kinder – wie im Falle von Tamir Rice – erschossen werden. Wie Männer erwürgt werden, da sie angeblich unversteuerte Zigaretten verkauften, wie im Falle Eric Garners. Und wie Michael Brown, ein 17-jähriger unbewaffneter Junge erschossen und sein Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wird.

Und auch die Kontroverse um die, mindestens ungeschickte, College-Präsidentin Kathleen McCartney geht in eine neue Runde. Die neueste spielte sich auf Fox News ab. In einer e-Mail an alle Studenten hatte sie Unterstützung für die #blacklifesmatter Kampagne zeigen wollen, schrieb jedoch versehentlich #alllifesmatter. Was hier als ein weiterer ihrer vielen Fauxpas im Umgang mit Rassismus gewertet wurde, feierte Fox News: denn „all lives matter indeed“ und sie hätte es nur moralisch korrekt formuliert. Es ist wohl inzwischen bis nach Deutschland vorgedrungen, dass Foxnews die buchstäbliche Ausgeburt von tendenziellem, einseitigen und ultrakonservativen „Journalismus“ ist. Man ist dort stolz auf seinen Ruf als das Sprachrohr der erzkonservativen „Tea Party“… (Hier gehts zum Link zum Foxnewsbeitrag: http://insider.foxnews.com/2014/12/11/smith-college-president-kathleen-mccartney-apologizes-saying-all-lives-matter)

Unterdessen ging die Auseinandersetzung mit der Situation auf dem Campus weiter: Empörte Mails über den sprachlichen Lapsus der Präsidentin wurden durch den Äther geschickt. Passionierte Facebook-Aufrufe für eine Petition an die sturmumtoste Präsidentin, einen Bus zum Millions March in New York City, der großen Demo/Rememberance, aus Collegegeldern zu finanzieren, wurden geschaltet (stattgegeben!). Am Tag vor dem March in NYC bietet das Campus Center einen Raum voller Materialien an, mittels derer man Banner für die Demo für den Solidaritäts-March basteln kann. Man kann ihnen nicht unterstellen, dass sie sich nicht bemühen…

Und eine Gruppe von Studentinnen wurde nicht müde, an das Schicksal der Getöteten zu erinnern. Am letzten Sonntag lud der Gleeclub zu seinem alljährlichen Christmas-Carolling – Weihnachtssingen – ein. Es waren zwei Veranstaltungen angesetzt – eine am Nachmittag und eine am Abend. Um Solidarität mit den afroamerikanischen Opfern der Polizeigewalt zu zeigen, trugen viele Chorsängerinnen schwarze Seidenbänder am Handgelenk. Doch das reichte einer Gruppe von Demonstrantinnen nicht. Sie hatten sich vor der Konzerthalle positioniert und versuchten, das gutbesuchte Weihnachtskonzert zu boykottieren. Sie kritisierten den Chor, ein Weihnachtskonzert zu veranstalten, obwohl es wichtigeres gäbe. Sie sangen in Endlosschleife in ein Megafon We who believe in freedom cannot rest, We who believe in freedom cannot rest until it comes – Ella´s Song von der Gruppe Sweet Honey in the Rock.

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Einige der Glee-Chorsängerinnen waren zutiefst empört über die Störung ihres Konzertes und warfen ihre Solidaritätsarmbänder frustriert von sich. Nachdem das zweite Konzert mit der gedämpften Untermalung durch Ella´s Song aus dem Megafon von jenseits der Konzerthaustüren seinem Ende zuging, kam es jedoch zur Katharsis. Die Dean of Religious Affairs des College lud die Demonstrantinnen mitsamt ihrer Transparente auf die Bühne und bat uns alle gemeinsam, Ella´s Song zu singen.

Einige Tage später wurde der alltäglich Lunch in der Dining Hall unterbrochen. Eine Studentin, bewaffnet mit dem obligatorischen Megafon, erklomm einen Stuhl in Mitte der Mensa und stimmte die vertraute Melodie an. Sie und ihre 7 Mitstreiterinnen sangen aus vollem Herzen, die speisenden Gäste konnten sich jedoch nicht dazu motivieren, das Besteck aus der Hand zu legen, geschweige denn einzustimmen. Die Demonstrantinnen verlasen daraufhin die erschreckenderweise nicht enden wollende Liste der getöteten Afroamerikaner, und es dauerte gefühlte Stunden bis die Liste ihrem Ende zu kam. Ich weiss nicht, ob es sich dabei nur um das Jahr 2014 handelte oder die Liste weiter zurück reicht, aber die Anzahl von Namen war verstörend. Als die Liste endlich am Ende war, riefen die Mädels zu einer Schweigeminute auf und alle blickten betreten auf ihren Lunch (inzwischen hatten auch die Härtesten aufgehört zu essen). Eine der jüngeren Demonstrantin, selbst schwarz, brach so sehr in Tränen aus, dass sie sich nicht mehr beruhigen konnte. Als sich die lunching Ladies nach Ende der Schweigeminute wieder ihrem Essen zugewendet hatten, formten die 8 Demonstrantinnen einen Kreis, die weinende Kameradin in der Mitte, und stimmten „Lean on me“ von Bill Withers an.

Lean on me when you’re not strong

And I’ll be your friend, I’ll help you carry on

For it won’t be long

‚Til I’m gonna need somebody to lean on

Finals Week

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Nachdem ich von einem erfrischenden Thanksgiving-Break auf Cape Cod zurückgekehrt bin sieht mein Alltag zur Zeit so aus.

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Kaum zu glauben, aber mein erstes Semester am Smith College rast dem Ende zu – nur noch 1,5 Wochen, dann 1 Woche Prüfungen und es ist Schicht im College-Schacht. Ich friste deshalb mein Tage in der Library, um Themen wie „The sexed female body in post-war Europe“, Simone de Beauvoir, deutsche Frauenquote und Genozid an den Bosniern herumscharwenzelnd.

Anways, nachdem ich mir wiederholt die Knie an meinem monumentalen Arbeitsplatz – einem schweren Eichentisch – gestoßen hatte, ging ich der Situation auf den Grund und fand dies, motivational Wednesday:

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