We Believe in Freedom – Do We?

Mein erstes Smith-Semester biegt in die Zielgerade ein und die Stresslevel schnellen in die Höhe. Aber guess what, unglaublich aber wahr, draussen dreht sich die Welt weiter.

Während sich die Nachrichten aus Amerika seit zwei Tagen vorwiegend um die erschreckenden Enthüllungen über die “advanced interrogation methods” der CIA drehen, sind die Erschießungen von zahllosen Afroamerikanern ohne ersichtlichen Grund durch die Polizei weiterhin ein virulentes Thema hier am College und in den USA im allgemeinen. Seit der Entscheidung der Ferguson-Jury, Darren Wilson, den Mörder Browns, nicht anzuklagen und meinem letzten Blog zu dem Thema hat sich einiges getan. Weitere, fragwürdige Details aus der „Entscheidungsfindung“ der Jury sind aufgetaucht. Wie etwa die Debatte um „Witness No. 40“, die behauptet Brown in einer bedrohlichen Pose vor Polizist Wilson beobachtet zu haben. Der linke Fernsehsender msnbc veröffentlichte einen ihrer Tagebucheinträge, der belegen soll, dass sie tatsächlich zur Tatzeit Zeugin des Geschehens gewesen sein konnte. Dieser Tagebucheintrag wirkt jedoch so fingiert, dass man kein Profiler sein muss, um ihn in Frage zu stellen. Ausserdem hatte Witness No. 40 wiederholt mit rassistischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht und ihr Auto, mit dem sie angeblich am Tatort vorbeifuhr, wurde dort nie gesichtet. Dies wirft Fragen auf in einem Land, dass über omnipräsente Überwachungskameras – CCTV – verfügt. Und die zweifelhaften Gestalt Witness 40 ist nur ein Fragezeichen, das der Prozess der Ferguson-Jury aufwirft.

(Hier mehr zu Witness No 40: http://www.msnbc.com/all-in/watch/ferguson–was-witness-40-even-there–369446467820)

Abgesehen davon, erlebe ich hier hautnah, wie ein Land und seine – vermeintliche – intellektuelle Elite von morgen versucht, Antworten zu finden. Antworten darauf, wie man mit dem immer noch erschreckend grassierenden Rassismus im Land umgehen kann. Wieso es in einem Land mit einem schwarzen Präsidenten soweit kommen konnte, dass 12-jährige Kinder – wie im Falle von Tamir Rice – erschossen werden. Wie Männer erwürgt werden, da sie angeblich unversteuerte Zigaretten verkauften, wie im Falle Eric Garners. Und wie Michael Brown, ein 17-jähriger unbewaffneter Junge erschossen und sein Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wird.

Und auch die Kontroverse um die, mindestens ungeschickte, College-Präsidentin Kathleen McCartney geht in eine neue Runde. Die neueste spielte sich auf Fox News ab. In einer e-Mail an alle Studenten hatte sie Unterstützung für die #blacklifesmatter Kampagne zeigen wollen, schrieb jedoch versehentlich #alllifesmatter. Was hier als ein weiterer ihrer vielen Fauxpas im Umgang mit Rassismus gewertet wurde, feierte Fox News: denn „all lives matter indeed“ und sie hätte es nur moralisch korrekt formuliert. Es ist wohl inzwischen bis nach Deutschland vorgedrungen, dass Foxnews die buchstäbliche Ausgeburt von tendenziellem, einseitigen und ultrakonservativen „Journalismus“ ist. Man ist dort stolz auf seinen Ruf als das Sprachrohr der erzkonservativen „Tea Party“… (Hier gehts zum Link zum Foxnewsbeitrag: http://insider.foxnews.com/2014/12/11/smith-college-president-kathleen-mccartney-apologizes-saying-all-lives-matter)

Unterdessen ging die Auseinandersetzung mit der Situation auf dem Campus weiter: Empörte Mails über den sprachlichen Lapsus der Präsidentin wurden durch den Äther geschickt. Passionierte Facebook-Aufrufe für eine Petition an die sturmumtoste Präsidentin, einen Bus zum Millions March in New York City, der großen Demo/Rememberance, aus Collegegeldern zu finanzieren, wurden geschaltet (stattgegeben!). Am Tag vor dem March in NYC bietet das Campus Center einen Raum voller Materialien an, mittels derer man Banner für die Demo für den Solidaritäts-March basteln kann. Man kann ihnen nicht unterstellen, dass sie sich nicht bemühen…

Und eine Gruppe von Studentinnen wurde nicht müde, an das Schicksal der Getöteten zu erinnern. Am letzten Sonntag lud der Gleeclub zu seinem alljährlichen Christmas-Carolling – Weihnachtssingen – ein. Es waren zwei Veranstaltungen angesetzt – eine am Nachmittag und eine am Abend. Um Solidarität mit den afroamerikanischen Opfern der Polizeigewalt zu zeigen, trugen viele Chorsängerinnen schwarze Seidenbänder am Handgelenk. Doch das reichte einer Gruppe von Demonstrantinnen nicht. Sie hatten sich vor der Konzerthalle positioniert und versuchten, das gutbesuchte Weihnachtskonzert zu boykottieren. Sie kritisierten den Chor, ein Weihnachtskonzert zu veranstalten, obwohl es wichtigeres gäbe. Sie sangen in Endlosschleife in ein Megafon We who believe in freedom cannot rest, We who believe in freedom cannot rest until it comes – Ella´s Song von der Gruppe Sweet Honey in the Rock.

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Einige der Glee-Chorsängerinnen waren zutiefst empört über die Störung ihres Konzertes und warfen ihre Solidaritätsarmbänder frustriert von sich. Nachdem das zweite Konzert mit der gedämpften Untermalung durch Ella´s Song aus dem Megafon von jenseits der Konzerthaustüren seinem Ende zuging, kam es jedoch zur Katharsis. Die Dean of Religious Affairs des College lud die Demonstrantinnen mitsamt ihrer Transparente auf die Bühne und bat uns alle gemeinsam, Ella´s Song zu singen.

Einige Tage später wurde der alltäglich Lunch in der Dining Hall unterbrochen. Eine Studentin, bewaffnet mit dem obligatorischen Megafon, erklomm einen Stuhl in Mitte der Mensa und stimmte die vertraute Melodie an. Sie und ihre 7 Mitstreiterinnen sangen aus vollem Herzen, die speisenden Gäste konnten sich jedoch nicht dazu motivieren, das Besteck aus der Hand zu legen, geschweige denn einzustimmen. Die Demonstrantinnen verlasen daraufhin die erschreckenderweise nicht enden wollende Liste der getöteten Afroamerikaner, und es dauerte gefühlte Stunden bis die Liste ihrem Ende zu kam. Ich weiss nicht, ob es sich dabei nur um das Jahr 2014 handelte oder die Liste weiter zurück reicht, aber die Anzahl von Namen war verstörend. Als die Liste endlich am Ende war, riefen die Mädels zu einer Schweigeminute auf und alle blickten betreten auf ihren Lunch (inzwischen hatten auch die Härtesten aufgehört zu essen). Eine der jüngeren Demonstrantin, selbst schwarz, brach so sehr in Tränen aus, dass sie sich nicht mehr beruhigen konnte. Als sich die lunching Ladies nach Ende der Schweigeminute wieder ihrem Essen zugewendet hatten, formten die 8 Demonstrantinnen einen Kreis, die weinende Kameradin in der Mitte, und stimmten „Lean on me“ von Bill Withers an.

Lean on me when you’re not strong

And I’ll be your friend, I’ll help you carry on

For it won’t be long

‚Til I’m gonna need somebody to lean on

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Finals Week

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Nachdem ich von einem erfrischenden Thanksgiving-Break auf Cape Cod zurückgekehrt bin sieht mein Alltag zur Zeit so aus.

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Kaum zu glauben, aber mein erstes Semester am Smith College rast dem Ende zu – nur noch 1,5 Wochen, dann 1 Woche Prüfungen und es ist Schicht im College-Schacht. Ich friste deshalb mein Tage in der Library, um Themen wie „The sexed female body in post-war Europe“, Simone de Beauvoir, deutsche Frauenquote und Genozid an den Bosniern herumscharwenzelnd.

Anways, nachdem ich mir wiederholt die Knie an meinem monumentalen Arbeitsplatz – einem schweren Eichentisch – gestoßen hatte, ging ich der Situation auf den Grund und fand dies, motivational Wednesday:

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Cycle of Violence – Keine Anklage in Ferguson

Aus gegebenem Anlass breche ich meine Arbeitsbedingten Bloghiatus mit einem Bericht über die Entwicklungen, die sich am heutigen Abend in den USA entfalteten.

Der Mord an dem 17jährigen Michael Brown aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri schlug am 9. August auch jenseits des Atlantik Wellen: Der Polizist Darren Wilson hatte den unbewaffneten Brown mit mehreren Schüssen niedergestreckt, da dieser den Aufforderungen Wilsons, die Straße gen Gehweg zu verlassen, nicht folge leistete (wer weiterlesen möchte findet unten interessante Links!) In der Folge kam es in den ganzen USA zu Ausschreitungen, die Bilder von landesweiten Demonstrationen gingen um die Welt: Um die Demonstranten in Schach zu halten, wurde militärische Ausrüstung aufgefahren (Unten gibt’s die Links zur Chronik der Ereignisse) die an einen Kriegszustand erinnerte.

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Canfield Drive - der ORt an dem Michael Brown erschossen wurde und seine Leiche 4 Stunden lang

Canfield Drive – der Ort an dem Michael Brown erschossen wurde und seine Leiche 4 Stunden lang

Grundsätzlich gilt in den USA im Falle von Selbstverteidigung eines Polizisten gegen einen vermeintlichen Kriminellen keine Strafverfolgung und das Tragen einer Waffe durch eine Privatperson ist erlaubt. Ob es sich im Falle Michael Browns Tötung durch Darren Wilson um Selbstverteidigung oder um Mord handelte, entscheidet im US-Bundesstaat zunächst die Grand Jury: Hier entscheiden bis zu 23 Nicht-Juristen (ähnlich den Schöffen in Deutschland) nachdem sie jegliches Beweismaterial gesichtet haben, ob ihrer Meinung nach genug Beweise für eine Anklage des Polizisten Wilson vorliegen. Heute wurde das Urteil der Grand Jury bekannt gegeben.

Nachdem sich in den letzten Monaten eine sich immer weiter erhitzende Debatte über „race related issues“ entsponnen hatte, wurde die Entscheidung der Grand Jury auch hier am Smith College ungeduldig erwartet.

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Zufällig fiel das Abwarten auf die Entscheidung zusammen mit unserem allwöchentlichen AMS-Seminar, in dem wir über Probleme der amerikanischen Gesellschaft nachdenken. Die heutige Sitzung war ursprünglich dem Thema Security Policy gewidmet, doch wir kamen schnell auf die Ereignisse in Ferguson und die Reaktion in den amerikanischen Medien zu sprechen. Allein in der letzten Woche waren zwei weitere Fälle durch die Medien gegangen, in den (weiße) Polizisten auf (unbewaffnete, schwarze) Passanten geschossen hatten. Erst am Samstag war in Cleveland, Ohio der 12jährige Tamir Rice von einem Polizisten erschossen worden, der die Spielzeugpistole Rices fälschlicherweise für eine echte Waffe gehalten hatte. Aus New York City erreichte einen letzte Woche die Nachricht, dass der unbewaffnete Akai Gurley von einem NYPD-Officer erschossen worden war. Sowohl Rice als auch Gurley hatten einen afroamerikanischen Hintergrund.

Aus gegebenem Anlass verließen wir im Seminar also die Welt der Diplomatie und reihten uns ein in die Reihe Millionen Amerikaner, die lange vergeblich auf die Verkündung des Urteils gewartet hatten. Gegen Mittag Eastern Time hatte die Grand Jury ihre Entscheidung getroffen, erst um 21 Uhr wurde die Entscheidung verkündet. Warum ist fraglich. Es wird spekuliert, dass man darauf wartete, dass die meisten Leute zu Hause sind, um größere Ausschreitungen zu verhindern. Ein Hinweis auf die politische Sprengkraft des Themas.

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Als der Generalstaatsanwalt Missouris mit einiger Verspätung endlich vor die Kameras trat, hatten wir in Ermangelung neuer Entwicklungen gemäß der US-Medienkultur bereits sämtliches über ihn und seine Vergangenheit erfahren: sein Vater, ein Polizist, war selber „in the line of duty“ erschossen worden, was Kommentatoren zu wilden Spekulationen veranlasste. Nach langen Ausführungen verkündete er das Urteil der Grand Jury: No indictment. Keine Anklage. Die Zeugenaussagen hätten sich widersprochen, was eine Anklage unmöglich mache.

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Ferguson-Livestream im Seminar

 

Die Spannung in unserem Pop-Up Public-Viewing der besonderen Art war merklich spürbar und keiner sagte ein Wort. Interessant, wie man so schnell in die Ereignisse mithineingezogen wird. Nun muss also ein Polizist der einen unschuldigen, unbewaffneten 17jährigen erschoss, nicht mit Konsequenzen rechnen. Der Professor des AMS-Seminars hatte nichts mehr zu sagen und entliess uns mit den Worten „Another day in America“ in die Nacht. Der Großteil meiner Kommilitoninnen eilte hernach wie immer pflichtbewusst zurück an den Schreibtisch (einige, um papers über racial segregation zu schreiben), das Einhalten von Deadlines war ihnen wichtiger. Ich machte mich jedoch mit zwei Mädels auf in die Campus Chapel. Die wegen ihrer mangelnden Positionierung zu einem weiteren racism-Problems des College stark kritisierte Präsidentin des Colleges hatte geladen, um über die Ereignisse zu diskutieren. Ich war neugierig, wie das wohl von statten gehen würde und erwartete eine proppenvolle Veranstaltung. Nachdem wir die Stufen der Kapelle erklommen hatten, fanden wir uns jedoch allein vor dem gesammelten Leitungspersonal des College wieder: Die Präsidentin, ihr omnipräsenter Ehemann Bill, die Vizepräsidentin und die wichtigsten Deans blickten uns erwartungsfroh entgegen – wir waren die einzigen die den Weg zu dieser seltsamen Veranstaltung gefunden hatten. Leider habe ich von diesem Get-together keine Photos, da ich zu beschäftigt war, krampfhaft nach Small Talk Themen zu suchen. Nun saßen wir also da und schwiegen mit betretener Miene („time to reflect“), nur unterbrochen von der obligatorischen Frage nach den Thanksgivingplänen und dem erwarteten Schneesturm. Nach einer Weile schloss sich uns dann eine von den Ereignissen offensichtlich sehr mitgenommene First year an, die mit Piepsstimme über ihre Gefühle reflektierte.

Die Situation war in so vieler Hinsicht mehr als strange: Zum einen, dass wir die einzigen waren, die gekommen waren. Zum Anderen aber auch, dass niemand wirklich etwas sinnvolles zu sagen hatte. Jeder hing irgendwie seinen Gedanken nach und keiner traute sich, Stellung zu beziehen. Ich glaube, das kann symptomatisch mit diesem offensichtlich so tiefsitzendem kulturellem Problem des immer noch virulenten Rassismus verstanden werden: Die intellektuelle „Elite“ (repräsentiert vom Leitungspersonal eines New England College) ist schockiert über diesen „cycle of violence“ wie Präsidentinnengatte Bill es nannte, fordert zum Dialog auf, traut sich jedoch nicht, etwas zu äußern, aus Angst, missverstanden zu werden. Und viele, insbesondere schwarze Mitstudentinnen, bleiben dem Unterfangen gänzlich fern, da es von Weißen angeleiert wurde. Das mag für europäische Ohren sehr merkwürdig klingen, aber so präsentierte es sich heute Abend. Als wir in der Kapelle saßen, steckten zwei schwarze Studentinnen die Köpfe durch die Tür, offensichtlich bereit, sich uns anzuschließen. Nachdem sie unsere kleine, vollständig weiße Gruppe erblickten, zogen sie sich jedoch schnell wieder zurück. Die ansonsten still und auffallend verschreckt wirkende Präsidentin kommentierte den Rückzug der Mädels mit den Worten „Well, we´re all white“. Ich war zunächst sehr verwundert über diese Äußerung. Als ich aber hinterher meiner Schweizer Freundin Paloma (die Tochter eines Senegalesen und einer Spanierin) davon berichtete, sagte sie, sie und ihre schwarzen Freundinnen am College wollten heute Abend nicht mit Weißen über die Ereignisse in Ferguson reflektieren – „We want to be just in our group“.

Ich wollte zu bedenken geben, dass diese Art des Umgangs den Graben zwischen den „races“ doch weiter vertiefen würde und wir uns doch weiter gemeinsam damit auseinandersetzen müssten. Ich hielt meine Äußerung glücklicherweise aber rechtzeitig noch zurück. Denn mir wurde heute klar, dass ich zur Zeit in einer Gesellschaft zu Gast bin, in der Rassismus nicht nur in Hörsälen diskutiert wird, sondern täglich auf den Straßen des Landes erlebt wird. In den USA „black“ zu sein, bedeutet, einer Gesellschaftsgruppe anzugehören, die sich immer noch der beständigen Drohung von Diskriminierung und Verletzung ausgesetzt sehen muss. Für diese Gruppe bedeuten die Ereignisse des heutigen Tages nicht nur distanzierter Schrecken oder Verwunderung über die Ereignisse in einer fremden Gesellschaft. Sie sind wegen ihrer Hautfarbe unmittelbar betroffen, denn sie leben in einem Land, in dem unschuldige, unbewaffnete Menschen erschossen werden können, da sie aufgrund ihrer Hautfarbe eine potenzielle Gefahr darstellen.

Ich könnte noch lange weitermachen mit Erkenntnissen über Probleme der amerikanischen Gesellschaft, aber so viel für heute. Eigentlich sollte es nur eine kurze Momentaufnahme werden, das ist mir nicht gelungen. Ausserdem repräsentieren meine Äußerungen meine spontanen Erkenntnisse und ich bin gespannt, wie sich das Ganze, inklusive meine persönlichen Eindrucks über die Lage, weiter entwickeln wird. Wer möchte kann gerne unter folgenden Links weiterlesen. Während ich schreibe kommen erste Nachrichten über Ausschreitungen in Ferguson und den Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Auch die Frage, ob die Familie Michael Browns, einen Civil Case – eine Klage um Schadensersatz – anstrebt, ist noch nicht geklärt.

Eine Chronik der Ereignisse vom 9. August -24.11.2014: http://www.nytimes.com/interactive/2014/11/09/us/10ferguson-michael-brown-shooting-grand-jury-darren-wilson.html?hp&action=click&pgtype=Homepage&module=a-lede-package-region&region=top-news&WT.nav=top-news&_r=0#/#time354_10512 )

 

Über den Mord am 12jährigen Tamir Rice in Ohio: https://abcnews.go.com/US/tamir-rices-toy-gun-indistinguishable-real-gun-cops/story?id=27137979

 

Über den Mord an Akai Gurley in NYC: http://www.nbcnewyork.com/news/local/Akai-Gurley-Peter-Liang-NYPD-Pink-Houses-Shooting-Homicide-Ruling-283696031.html

 

How it all began

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I hereby make the following provisions for the establishment and maintenance of an Institution for the higher education of young women, with the design to furnish for my own sex means and facilities for education equal to those which are afforded now in our Colleges to young men.

Im Jahr 1870 verfügte Sophia Smith, die Tochter eines wohlhabenden Bauern aus Hatfield, Massachusetts, ihr Erbe dafür einzusetzen, ein College zu gründen – Smith College. Wie fast alle Frauen ihrer Generation, war Sophia Smith nie in den Genuss einer höheren Ausbildung gekommen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, forderte sie, ein College zu gründen, dass ihrem Geschlecht dieselbe hervorragende Collegeausbildung ermöglichen würde, wie es Männer bereits seit Jahrhunderten genossen. Ihrem Willen wurde Folge geleistet und im Jahr 1875 öffnete das College seine Tore für die ersten Studentinnen. Heute ist Smith College mit 2600 Studentinnen das größte Women´s College der Vereinigten Staaten und eines der besten Liberal Arts Colleges des Landes.

Die Gründung des College fällt historisch in die Zeit der aufkommenden Frauenbewegung in Westeuropa und Amerika und so wurde Smith College schnell zur Keimzelle eines aufgeklärten Feminismus.

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Virginia Woolf

Immer am Puls der gesellschaftlichen Weiterentwicklungen packten in den 1920er Jahren einige Smithies ihre Koffer, um sich in London dem Bloomsbury Set um Virginia Woolf anzuschließen. Sie machten sich noch vor ihrer Graduation in Northampton auf, sich in London der Gruppe von Künstlern, Intellektuellen, Kritikern und Autoren anzuschließen. Gemeinsam mit ihnen suchten sie neue Antworten auf die hier noch heute so viel diskutierte Frage nach „How to live?“.

 

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Gloria Steinem

Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das College zur Brutstätte der feministischen Ideen die von 1968 an auf den Straßen des Landes ihre Ausdruck fanden. Die beiden Damen, die bis heute, wenn auch als Rivalinnen, als die Gesichter der Frauenbewegung der 1970er Jahre in den USA gelten, sind beide Smith Alumna: Gloria Steinem und Betty Friedan. Steinem graduierte 1956 bevor sie, wie sie behauptet „unfreiwillig“, zum Gesicht der Frauenbewegung der 70er Jahre aufstieg. Sie ist bis heute häufig für Lectures hier. Ihre Rivalin und Autorin des Manifests „The Feminine Mystique“ Betty Friedan machte ihren Abschluss 1942 und wurde weltberühmt durch die Organisation des Women´s Strike for Equality, bei dem sie am 26. August 1970 20 000 Frauen in New York City und Landesweit versammelte, um für Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu protestieren.

Bis heute weht der Geist dieser Frauen durch die Hallen des College, die Frauenrechte sind bis heute in allen Disziplinen ein zentrales Thema.

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Betty Friedan

Smith College nimmt als Geburtsort neuer Ideen im Kampf um Gleichberechtigung eine zentrale Rolle in in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Frauenrechten in den USA ein. Die Archive der Sophia Smith Collection und des Rare Book Room ziehen Wissenschaftler aus aller Welt an, um die größte Sammlung von Briefen, Bildern und Schriften von Virginia Woolf, aber auch Sylvia Plath und Gloria Steinem zu studieren.

In den letzten Jahren wurde die Diskussion um Fragen der Frauenrechte durch die Frage nach der sexuellen Identität erweitert. Wie es auf der Website des College zu lesen ist: „Smith is a place where students are able to explore who they are in an open and respectful environment“. Um dieser Exploration nichts in den Weg zu legen, sind alle besonders bewusst im Umgang mit Geschlechtszuordnung. Das Thema der (sexuellen) Identität ist hier so delikat, dass man sich vereinzelt unsicher ist, mit welchem Pronomen seinen Nachbarn belegen soll. Ist sie wohl eine „she“ oder ein „he“ oder möchte sie lieber neutral (nicht mit gespaltener Persönlichkeit) „they“ sein? Für die unentschlossenen wurde eigens das Pronom „ze“ geschaffen. Jede Begrüßungsrunde beginnt damit, dass man sich mit seinem „preferred gender pronoun“ vorstellt. Einzig auf der Geburtsurkunde muss stehen, dass man weiblich ist, was danach passiert, insbesondere nach Eintritt im Smith College, ist erlaubt, auch wenn es sich hier offiziell um ein Frauencollege handelt.

Generell ist die Dichte von homosexuellen Frauen hier exorbitant hoch, doch das scheint noch nicht zu allen vorgedrungen sein. An den Wochenenden mischt sich aber das Studentenvolk der angrenzenden 5 Colleges auf Collegeparties. Und so kann es vereinzelt zum äußersten kommen: Männer auf einer Smith Party.

So trug es sich vor einigen Wochen zu, dass ich mich mit ein paar Mädels auf eine der legendären Parties begab, in denen sich Gleich und Gleich miteinander auf der Tanzfläche und abseits vergnügten. Wir versuchten cool zu uns unbekanntem Hip Hop zu wippen, als sich ein Mädchen aus einer Traube von 5 eng umschlungenen Mädels löste. Auf zwei verloren dreinblickenden Jungs im Pulk 19jähriger Mädels beim Nahtanz deutend raunte sie mir zu: „These guys are like so ridiculous, they don´t know we are like all gay here“. Auf meine perplexe und peinlich unüberlegte Erwiderung „But I´m straight“ hatte sie nur ein mitleidiges „Oh, good luck“ übrig, bevor sie sich wieder ihrer Sechser-twerking-Situation hingab.

Die Smith-Flure sind geprägt vom Bild sogenannter SLUG´s – Smith Lesbians Until Graduation: Und so kann es kommen, dass Meredith aus Portland beim Kennenlernentreffen des Hauses noch fromm Armbänder verteilt, die sie im „Camp“ selbst knüpfte und sich einen Monat später mit ihrer Freundin im Wohnzimmer vergnügt. Welcome to Smith…

 

 

All Pictures courtesy of Smith College Archives.

Festival of the Self

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#myview #theautumnleaves #roadtrip #sorrynotsorry

 

Wir leben nicht nur in einer Zeit in dem die News von Heute morgen schon wieder vergessen sein können und in der man Freunde hat, die man nicht kennt. Wir leben auch in einer Zeit, in der jeder die Chance hat, sich ein virtuelles Leben seiner Wahl zu designen. Das Internet ist voll von Selbstdarstellungsplattformen auf denen Menschen sich, trunken von ihrem eigenen, manipulierten, Spiegelbild, darstellen können, wie es ihnen beliebt. So können wir uns Selbstbildnisse basteln, die mit uns selbst nur noch im entferntesten etwas zu haben. Ob das heisst, dass wir mit mildem Mona Lisa Lächeln, den Kopf taubenhaft zur Seite geneigt – damit der Zopf zu sehen ist, sonst siehts aus, als hätte man keine Haare – das 2348. Selfie schießen und es mit einem lakonischen #nofilter versehen, um es auf dem Medium unserer Wahl hochzuladen oder unser Leben so aussehen lassen, als sei es eine endlose Abfolge von Coffee sit ins in edler Umgebung und tiefgründigem sinnieren in idyllischer Kulisse – wir können uns unsere Welt so designen, wie sie uns gefällt.

Wir feiern ein orgiastisches “festival of the self”.

Und jeder Moment kann photographisch festgehalten werden. Es bleibt spannend, wie sich die Erinnerung von Menschen verändert wird. Schließlich kann jede Tasse Café, jedes hübsche Herbstblatt und jede Regung eines Babies sofort mittels der Handykamera festgehalten werden. Ob das dazu führen wird, dass ich in 30 Jahren eine wesentlich klarere Erinnerung an Ereignisse von früher haben werde, als Menschen die sich heute an ihr Leben vor 30 Jahren zurückerinnern?

Wahrscheinlich werden wir in 30 Jahren bei einem Blick auf alte Selfies und Schnappschüsse mit einem milden Lächeln feststellen “Ach, so wollte ich mich also damals darstellen…”.

Anschließend werden wir das alte Bild abfotografieren und mit den Hashtags #throwbackfriday und #good times auf der Social Media Platform unserer Wahl hochladen.

 

 

To the Mountains… Not.

Heute schrillten um 7 Uhr morgens die Glocken und läuteten Mountain day ein. Es ist der heißersehnteste Tag des noch jungen Herbst, an dem alle Veranstaltungen ausfallen und alle im gelben School bus zum apple picking fahren. Es sei denn, man hat zu tun…

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New England apple picking

 

For the record: wir konnte uns dann doch noch von unseren Schoßäpfeln losreissen.

 

 

Words of ignorance

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Die ehemalige und vielleicht zukünftige First Daughter Chelsea Clinton hat gerade erst ihre erste Tochter Charlotte Clinton Mezvinsky zur Welt gebracht, schon wird sie zum Spielball der ultrapolarisierten amerikanischen Medien: Während sich die linke Presse in Spekulationen über die Präsidentschaftswahlen 2052 versteigt, instrumentalisiert das ultrakonservative Schmierblatt New York Post den zwei Tage alten Säugling in seiner Hetze gegen die Demokraten. Angesichts dieses weiteren demokratischen „cry baby“ könne man die Midterms im November nun wohl vergessen.

Durch die amerikanischen Medien verläuft wie in nur wenigen anderen demokratischen Ländern ein politischer Graben, der seit Obamas Präsidentschaft noch vertieft wurde. Je nach politischer Sympathie hetzen die Medien wahlweise gegen den Präsidenten oder die Opposition.

Was amüsant wirkt, wenn es sich um einen Neuzuwachs in einer amerikanischen Politikerdynastie handelt, führt in ernsteren Bereichen des politischen Lebens immer mehr zu einer schier unendlichen Kluft zwischen den beiden politischen Blöcken. Im November sind „Midterm elections“. Sie gelten als Stimmungsbarometer für die Präsidentschaftswahl 2016.

Nach den Midterms will auch Hillary Clinton endlich entscheiden, ob sie für das Präsidentenamt kandidieren will. Dann wird es sich zeigen, ob der „Party Pooper“ seine ersten Lebensjahre als First Granddaughter verbringen wird.

Die New York Post rechnet mit dem schlimmsten…

Words of wisdom

“The first world war unleashed a relation to violence from which we haven´t recovered until today.”

… resümierte die Professorin meiner “Women&Gender in contemporary Europe”-class. Wir sprachen über die für die Bevölkerung Europas unvorstellbaren Dimensionen des Krieges. Angesichts der neuen industrialisierten Kriegsführung stellte dieser Krieg alle bisherigen  kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinem geographischen Ausmaß, seiner Härte und brutalen Effizienz in den Schatten. Er ließ nicht nur eine hungernde, sondern auch eine vollkommen verängstigte und traumatisierte Bevölkerung zurück, deren Zahl von Männern zwischen 18 und 32 um ein drittel reduziert worden war. Die Männer die zurückgekehrt waren,  fanden angesichts ihrer Erfahrungen in dem bis dato brutalsten aller Kriege nicht mehr in den Alltag zurück. Dieses Phänomen rief erstmalig Psychiater auf den Plan, die nach Behandlungsmöglichkeiten dessen suchten, was heute als Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD) bekannt ist.

Gleichzeitig aber bedeutete der 1. Weltkrieg für die Frauen in Europa Fortschritt, da sie traditionell männliche Arbeit übernehmen mussten und somit ihre Rolle als Hausfrau und Mutter hinterfragt wurde. Deshalb ist kein Zufall, dass im November 1918 nicht nur der 1. Weltkrieg zu Ende ging und das Deutsche Reich durch die Abdankung Wilhem II. zerfiel, sondern auch dass im selben Monat das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde.