Dancing Barefoot

Nach einem zweimonatigen arbeits- und schneebedingten Hiatus, ist Grace Barfuss mit einem ersten Gastautoren zurück.

Der Besuch eines Konzertes von Punklegende Patti Smith Ende Dezember war das Highlight unseres New York Aufenthaltes. Smith nahm uns mit auf eine Reise in ein New York, in dem es noch möglich war „Outside of Society“ zu leben, bevor Punkkneipen zu Modeboutiquen wurden. Musikfreak Thure schildert seine Eindrücke.

Wenn der musikalische Geschmack hauptsächlich bei Bands beheimatet ist, die in den 70ern ihre Karriere begonnen haben, ist mit der einen oder anderen Enttäuschung nach einem Konzert zu rechnen: Stimmen, die ihrer Aufgabe schon lange nicht mehr gewachsen sind, lustlos heruntergeschretterte Gitarrensoli oder eine Performance, die so einstudiert wirkt, dass trotz vorhandener Perfektion die Darbietung langweilt und keine Verbindung zwischen Band und Publikum besteht.

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Und dann gibt es Musiker, die auch nach jahrzehntelanger Karriere die Musik auf der Bühne zum Leben erwecken. Musiker, die bei einem Konzert Songs immer wieder neu erfinden und Studioaufnahmen wie sterile Cover ihrer selbst wirken lassen. Bei den jährlichen Konzerten um Ihren Geburtstag in der Webster Hall in New York City hat Patti Smith bewiesen, dass sie diesem Anspruch gerecht werden kann.

Die Erwartungen am 29. Dezember 2014 waren hoch, als Patti Smith die Bühne betrat und den Überraschungsgast des Abends ankündigte. Nach jahrelanger Pause ohne jegliche eigene Performance öffnete der ehemalige Sänger von R.E.M. den Abend mit einem angespielten „People Have The Power“, bevor er in eine halbstündige Setlist überging, die neben Covern wie das von Liza Minelli und Frank Sinatra bekannt gewordene „New York, New York“ und „Wing“ von Patti Smith auch eigene Kompositionen beinhaltete. So spielte der von Patti Smiths Tochter Jesse Paris Smith und einem weiteren Gitarristen begleitete Stipe wohl zum ersten Mal live „Saturn Return“, neben „New Test Leeper“ von R.E.M. und wandte sich damit eher unbekannteren und vielleicht auch etwas obskuren Liedern der Band zu. Während sich die einschlägigen Medien im Nachhinein mehr dem Auftritt Michael Stipes zuwandten und somit Patti Smith etwas die Show stahlen, blieb doch im Mittelpunkt der Fakt eines Auftritts des Sängers und nicht die eigentliche Performance. Und so bleibt die Performance auch als ein Auftritt eines lange abstinenten und in letzter Zeit der Photographie gewidmeten Künstlers in Erinnerung, der erneut den Weg zur Bühne gefunden hat: Technisch und gesanglich überzeugend, jedoch trotz allem der etwas fade Beigeschmack einer Vorgruppe, die den Auftritt des Headliners nicht ganz erreichen kann.

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Das  Niveau des Abends wurde durch Patti Smith und ihre Band bestimmt, als „She is Benediction, She is Addicted to Her“ den Opener „Dancing Barefoot“ lyrisch einleiten. Bereits in den ersten 30 Sekunden lies sich von dem Abend vieles erhoffen: Die Stimme Smiths ist auch mit fast 68 Jahren vollkommen überzeugend und wirkt kräftiger und selbstbewusster als 1976, dem Jahr als „Dancing Barefoot“ auf „Easter“, dem zweiten Album Smiths, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Gitarrensoli fügen sich besser in das Gesamtgefüge des Songs ein und die Band zeigt ihre musikalische Qualität mit viel Spielfreude. Der weitere Abend ist gekennzeichnet durch eine aufeinander eingespielte Band und Patti Smith als Entertainerin, die gezielt mit dem Publikum spielt und somit für den einen und anderen Lacher sorgte. Dies ist zum einen sicherlich der Stadt New York zuzuschreiben, in der Patti Smith in dem kreativen Milieu der 1970er Jahre groß geworden ist. So beziehen sich die Ansagen zwischen den Songs des öfteren auf die Möglichkeit die New York damals geboten hat: Eine Möglichkeit „Outside of Society“ zu leben, wie es in „Rock n‘ Roll Nigger“ zelebriert wird. Und somit wirkt das Konzert trotz der Energie, die die Band transportiert teilweise etwas nostalgisch. Die Geschichten, die Patti Smith zwischen den Songs erzählt sind zeitlich fast alle in den 1970er Jahren angesiedelt und wirken teilweise etwas anachronistisch. Es wird ein New York zu einer Zeit zelebriert, als sich die Stadt als einer der wenigen Orte zeigte, die eine kreative Szene boten, um wirklich neues zu schaffen und damit auf ein Publikum zu treffen. Und genau dadurch konnte Patti Smith zu einem Genre beitragen, das sich damals „Outside of Society“ bewegte, heute jedoch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: Punk. Selbst wenn New York heute weiterhin ein großes kreatives Milieu bietet, hat die herausragende Bedeutung New Yorks sicherlich abgenommen. Die Stadt hat sich verändert, der ehemalige Punk-Club CBGB ist geschlossen und beheimatet heute eine Boutique der Edelmarke John Varvatos. Und so lässt sich doch die Frage stellen ob die Zeilen aus „New York, New York“ auch heute noch einen logischen Zusammenhang bieten.

„New York, New York
I want to wake up in a city
That never sleeps
And find I’m a number one
Top of the list“

Es ist jedoch fraglich, ob das Publikum, obwohl es teilweise die 1970er Jahre nicht aktiv miterlebt haben dürfte, von einem Star der 1970er Jahre etwas anderes erwartet, oder gar eine kritische Reflektion begrüßen würde. Umso erfreulicher erwies sich in diesem Zusammenhang die Setlist, die sich nicht nur aus Material der 1970er Jahre zusammensetzte und eine gesunde Mischung aus der gesamten Schaffensphase Patti Smiths bot. Der Schwerpunkt lag zwar weiterhin auf den früher Alben der damaligen Patti Smith Group, doch fügten sich die Songs des letzten Albums „Banga“ aus dem Jahr 2012 erstaunlich gut in die Setlist mit ein und zeigten mit dem Titelsong „Banga“ die Livequalitäten der neueren Stücke. Als einziges Manko in der Setlist hat sich lediglich das fast 10 minütige Stück „About a Boy“ herausgestellt. Das über Kurt Cobain geschriebene Stück kann vielleicht lyrisch überzeugen, wirkt live jedoch träge und langweilig. Die Band hat dies wohl auch erkannt und ersetzte den Song in dem nachfolgenden Konzert mit „Aint it Strange“, was ein hervorragendes Spiel zwischen Patti Smiths Stimme und der Gitarre Lenny Kayes zum Vorschein brachte. Das Nirvana Cover „Smells Like Teen Spirit“ feierte dabei den verstorbenen Künstler umso mehr. Akustisch und etwas balladrest wird das Lied in neuem Gewand vorgetragen und zeigt gerade dadurch eine Hommage an den verstorbenen Songwriter. Auffällig in der Setlist war jedoch das Fehlen des gesamten Debut-Albums „Horses“. Gerade dieses zeigt die Qualität des Œuvre Patti Smiths. Welcher Künstler kann schon eines seiner Schlüsselwerke, das ein gesamtes Musikgenre beeinflusste, aus einem Konzert verbannen und trotzdem auf eine Setlist zurückgreifen, die dem Künstler vollkommen gerecht wird?

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2015 wird Patti Smith auf einer anstehenden Tour „Horses“ dahingegen regelrecht feiern und in gesamter Länge spielen. Zu dem 40-jährigen Bestehen des Albums ist eine ausgedehnte Tour geplant, die Patti Smith auch nach Deutschland bringen wird. Ausgehend von der Qualität des 29. Dezember Konzertes lässt sich hierbei nur die Empfehlung aussprechen die Chance Patti Smith live sehen zu können zu ergreifen. Selbst wenn die Ansagen durch fehlende New York Referenzen nicht so umfangreich sein werden und somit der Entertainer Smith etwas in den Hintergrund geraten wird, wird doch weiterhin das Überzeugen, was ein gutes Konzert letztendlich ausmacht: Mit Energie und Kreativität vorgetragene Songs, die neu erfunden werden und Studioversionen wie fade Cover wirken lassen.

Die Tourdaten für Deutschland:

22.06.2015 Frankfurt am Main, Alte Oper

23.06.2015 Köln, Tanzbrunnen

12.07.2015 Lörrach, Stimmen Festival

13.07.2015 München, Tollwood Festival

16.07.2015 Singen, Hohentwiel Festival

07.08.2015 Luhmühlen, A Summer’s Tale Festival

08.08.2015 Dresden, Junge Garde

11.08.2015 Berlin, Tempodrom

Link zur Setlist des Konzertes:

http://www.setlist.fm/setlist/patti-smith/2014/webster-hall-new-york-ny-23cd6087.html

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