3 Weeks in Babel

Das beste an New York ist seine Vielfältigkeit. Nach drei Wochen New York war ich nicht nur in den USA, sondern auch in Italien, China, der Dominikanischen Republik und Kuba. Besonders eindrücklich war ein Trip nach Odessa…

New York ist nicht Amerika. New York ist Mumbai, Peking, Santo Domingo, Havanna, Nizza, Mailand, Malaga, Lissabon, Kiew und Moskau gleichzeitig. Die Stadt ist nicht nur Sitz der Vereinten Nationen, sie ist die vereinten Nationen. Es bedarf nur einen Trip zu einem grocery store in Inwood, im Norden Manhattans und die faszinierendsten Früchte werden von einem spanischsprechenden Verkäufer für seine Landsleute feilgeboten. Zwei Blöcke weiter werden russisches Gebäck und rote Beete in allen Aggregatzuständen von einer russischen Verkäuferin angepriesen, die zwar kein englisch, dafür aber deutsch spricht. Je nachdem wo man sich befindet, eine, zugegebenermaßen zeitweise beschwerliche, u-Bahnfahrt und man ist in einem anderen Land.

Unersättlich wie der Mensch nun einmal ist, entschieden wir uns deshalb eines morgens, nicht nur nach Coney Island, sondern auch in die Ukraine zu fahren: Little Odessa war das erklärte Ziel.

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Und so fanden wir uns nach unserem Spaziergang durch den geisterhaften Vergnügungspark Coney Island in einer Mischung aus Kiew und Sankt Petersburg wieder. Der berühmte Borschtsch im Restaurant “Tatiana´s” lockte. Ein beheiztes, dunkles Vorzelt mit Plastiktischdecken bildete den wenig versprechenden Eingangsbereich dieser New Yorker Institution, das an den berühmten hölzernen Boardwalk grenzt. Abenteuerlustig drangen wir in die Katakomben vor, wo uns ein geschäftiger Kellner auf Russisch empfing und uns, vorbei an üppig gedeckten, kronleuchterbeschienenen Tischen, in einen fensterlosen Raum führte.

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Maria, die Mutter Gottes blickte milde von der stoffbezogenen Tapete auf uns herab, während wir uns zögerlich auf den schleifengeschmückten Stühlen niederließen. Kronleuchter über jedem Tisch stellten sicher, dass wir die üppige Karte bestens studieren konnten, in der zweisprachig aufs amerikanischste die „awesome beetroot soup“ (Borschtsch) angepriesen wurde. Nach einigen Unklarheiten über die Fleischlosigkeit der diversen Teigtaschen, bestellten wir bei einer Kellnerin, die ausschließlich russisch sprach. Dank meiner begnadeten Russischkünste, bestellte ich mittels dreier Vokabeln Borschtsch, Kartoffeln und pierogi .

Da saßen wir dann bei russischen Klängen, in einem Meer von blutroten, Goldpapier umrankten Christrosen und wärmten die unterkühlten Glieder bei einem köstlichen Borschtsch auf. Einzig die mürrisch dreinblickenden Küchenhilfen, die maulig riesige Müllsäcke durch den Essenssaal schliffen, erinnerten noch an Amerika.

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In Nickel Empire

5 Cent – ein Nickel – kostete um 1900 eine Bahnfahrt von Manhattan nach Coney Island. Die Halbinsel am südlichsten Zipfel Brooklyns mauserte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum nahegelegenen Erholungsort für den gestressten Großstädter. Bis zu 100 000 Manhattanites strömten zu Hochzeiten täglich an den künstlich aufgeschütteten Strand. Sie flohen vor schlecht bezahlter Arbeit aus ihren rattenverseuchten Apartments, um im “Nickel Empire” ein Bad zu nehmen und die mitgebrachten Sandwiches zu verzehren. Wer es sich leisten konnte, gönnte sich für 10 Cent einen Hotdog bei Feltman´s oder einige Jahre später einen „crab burger“ bei Nathan´s.

150 Jahre und mehrere Immobilienbooms, Wirtschaftskrisen und Sturmfluten später weckt die Halbinsel nur noch entfernte, melancholische Erinnerungen an eine Zeit voll Kinderjauchzen bei Tag und entfesselten Ausschweifungen bei Nacht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde das einstige Kanninchenjagdgebiet Schauplatz bitterer Immobilienkriege, angeführt durch Vater und Sohn Trump, die hier einst eine Beerdigung für den Freizeitpark, inklusive “Bestattung” des Riesenrades, inszenierten. Stillgelegte Achterbahnen, Karussells und das berühmte „Wonder wheel“ lassen den Wanderer von heute auf dem hölzernen „boardwalk“ längst vergangenen glücklichen Zeiten nachsinnen.

 

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