To the Mountains… Not.

Heute schrillten um 7 Uhr morgens die Glocken und läuteten Mountain day ein. Es ist der heißersehnteste Tag des noch jungen Herbst, an dem alle Veranstaltungen ausfallen und alle im gelben School bus zum apple picking fahren. Es sei denn, man hat zu tun…

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New England apple picking

 

For the record: wir konnte uns dann doch noch von unseren Schoßäpfeln losreissen.

 

 

Words of ignorance

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Die ehemalige und vielleicht zukünftige First Daughter Chelsea Clinton hat gerade erst ihre erste Tochter Charlotte Clinton Mezvinsky zur Welt gebracht, schon wird sie zum Spielball der ultrapolarisierten amerikanischen Medien: Während sich die linke Presse in Spekulationen über die Präsidentschaftswahlen 2052 versteigt, instrumentalisiert das ultrakonservative Schmierblatt New York Post den zwei Tage alten Säugling in seiner Hetze gegen die Demokraten. Angesichts dieses weiteren demokratischen „cry baby“ könne man die Midterms im November nun wohl vergessen.

Durch die amerikanischen Medien verläuft wie in nur wenigen anderen demokratischen Ländern ein politischer Graben, der seit Obamas Präsidentschaft noch vertieft wurde. Je nach politischer Sympathie hetzen die Medien wahlweise gegen den Präsidenten oder die Opposition.

Was amüsant wirkt, wenn es sich um einen Neuzuwachs in einer amerikanischen Politikerdynastie handelt, führt in ernsteren Bereichen des politischen Lebens immer mehr zu einer schier unendlichen Kluft zwischen den beiden politischen Blöcken. Im November sind „Midterm elections“. Sie gelten als Stimmungsbarometer für die Präsidentschaftswahl 2016.

Nach den Midterms will auch Hillary Clinton endlich entscheiden, ob sie für das Präsidentenamt kandidieren will. Dann wird es sich zeigen, ob der „Party Pooper“ seine ersten Lebensjahre als First Granddaughter verbringen wird.

Die New York Post rechnet mit dem schlimmsten…

Words of wisdom

“The first world war unleashed a relation to violence from which we haven´t recovered until today.”

… resümierte die Professorin meiner “Women&Gender in contemporary Europe”-class. Wir sprachen über die für die Bevölkerung Europas unvorstellbaren Dimensionen des Krieges. Angesichts der neuen industrialisierten Kriegsführung stellte dieser Krieg alle bisherigen  kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinem geographischen Ausmaß, seiner Härte und brutalen Effizienz in den Schatten. Er ließ nicht nur eine hungernde, sondern auch eine vollkommen verängstigte und traumatisierte Bevölkerung zurück, deren Zahl von Männern zwischen 18 und 32 um ein drittel reduziert worden war. Die Männer die zurückgekehrt waren,  fanden angesichts ihrer Erfahrungen in dem bis dato brutalsten aller Kriege nicht mehr in den Alltag zurück. Dieses Phänomen rief erstmalig Psychiater auf den Plan, die nach Behandlungsmöglichkeiten dessen suchten, was heute als Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD) bekannt ist.

Gleichzeitig aber bedeutete der 1. Weltkrieg für die Frauen in Europa Fortschritt, da sie traditionell männliche Arbeit übernehmen mussten und somit ihre Rolle als Hausfrau und Mutter hinterfragt wurde. Deshalb ist kein Zufall, dass im November 1918 nicht nur der 1. Weltkrieg zu Ende ging und das Deutsche Reich durch die Abdankung Wilhem II. zerfiel, sondern auch dass im selben Monat das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde.

New Beginnings…

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Ich war so beschäftigt mit dem organisatorischen Kleinklein, dass ich nicht bemerkte, wie sich die ersten Blätter bunt färbten. Nun ist es plötzlich einer dieser frühen Herbsttage, an denen der Himmel wolkenlos ist und die Sonne scheint, als hätte sie niemals vor, jemals zu verschwinden. Vermutlich das letzte Mal in diesem Jahr habe ich mein Sommerkleid übergeworfen und sitze auf dem Bootssteg des campuseigenen Bootshauses.

Doch, wie es dazu kam habe ich ja noch gar nicht berichtet.

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Mein Koffer und ich enterten Smith College am Mittwoch den 19. August. Um Punkt 12 Uhr Mittags öffnete mir ein scheinbar zugedröhnter Taxifahrer vor den Toren des Admission House die Autotür und ich geriet ohne weiteres in die bis in die Ekstase aufgepumpte Blase der International Preorientation Week (ISP). Mit ca 200 aufgeregten und überwiegend asiatischen 17jährigen „Internationals“ würde ich die nächste Woche voller appointments verbringen.

Man überreichte mir sogleich meine OneCard, die gleichzeitig Campus Cash (also die Campuswährung) und der Schlüssel zu sämtlichen Räumlichkeiten, inklusive meiner eigenen, ist. Das Smith College versteht sich darauf, nicht von dorms (also Wohnheimen) sondern houses zu sprechen und so drang ich bald mutterseelenallein in mein Zimmer vor. Dieses Abenteuer rief nicht die erwünschte Begeisterung hervor, da es stark einer Gefängniszelle glich. Bestehend aus einem Bett, einem Schreibtisch und einem Schrank. So weit so gut, hätte man nur nicht auf Bettzeug jeglicher Art verzichtet.
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Impressionen…

Bald hatte ich mich mit meiner Zimmernachbarin verständigt, dass die Situation untragbar sei. Ein gemeinsamer Trip zu Target (ein riesiger Laden, wo man alles von Klobürste zum Tennisschläger bekommt) war für den folgenden Tag angesetzt. Wie wir allerdings die erste Nacht im auf gefühlte 10 Grad heruntergekühlten Zimmer verbringen sollten, blieb ungeklärt. Auf unseren Protest hin wurden wir daraufhin mit einer verschreckten Palästinenserin in einen Van mit Smith College-Logo verfrachtet und zum nächsten Walmart gekarrt, um das Nötigste für die Nacht zu erstehen. Die amerikanische Bedding-Situation, also Bettdecke, diverse Laken usw. erschloss sich uns jedoch nicht im geringsten und wir zogen nur mit einem Kissen unterm Arm wieder von dannen. Und so verbrachte ich die erste Nacht nur mit meiner United Airlines-Decke, die ich in weiser Voraussicht im Flieger an mich genommen hatte.

Abgesehen von der nicht regulierbaren Klimaanlage, über die jedes Zimmer verfügt, lässt unser Haus aber keine Wünsche offen. Frisch renoviert, glänzt noch alles. Obwohl wir eine hauseigene Mensa haben, haben wir auch Zugang zu einer state oft the art Kitchenette, die jedoch meistens ungenutzt bleibt. Im Foyer des Hauses thront ein Flügel, auf dem sich häufig mal mehr mal weniger begabte „Smithies“ versuchen.

Der erste Morgen am Smith College war dem „Breakfast with the President“ gewidmet. Kathleen McCartney, eine studierte Sozialpsychologin, war vorher Dean in Harvard und leitet nun seit einem Jahr die Geschicke des Smith College. Sie lud an einem Donnerstagmorgen zu einem Empfang im Alumna House, einem beeindruckendem gotischen Gebäude, wo selbst die restrooms noch mit eleganter Blumentapete und Barocksesseln versehen sind. Am Eingang stand das Empfangskomitee, bestehend aus den wichtigen Menschen des College, der Präsidentin und den diversen Deans (also Chefs der jeweiligen Departments). Wie beim Empfang der Queen flanierten wir an dieser Phalanx entlang, reichten jedem die Hand und führten gepflegten Smalltalk, bevor wir uns dem reichhaltigen Frühstück hingaben. Nachdem die Präsidentin an jeden Tisch einzeln gekommen war, um sich vorzustellen, lauschten wir ihrer motivierenden und sehr schmeichelnden Rede und tranken Tomatensaft und aßen Rührei vom Blümchenservice.

Am Nachmittag folgte dann endlich der versprochene Target-Trip: 200 aufgeregte Asiatinnen und 10 Europäerinnen bestiegen drei Busse zur Holyoke Mall. Dort irrten wir erneut durch den Laden, der die Dimensionen einer Kleinstadt aufwies, auf der Suche nach dem Nötigen, um die Zimmer bewohnbar zu machen. Auch die Beddingsituation konnte geklärt werden und so zogen wir nach drei Stunden zufrieden von dannen.

Die International Preorientation Week startet zwei Wochen vor Semesterbeginn und soll den internationalen Neuankömmlingen eine erste Starthilfe für ihr 20140827_171006Leben an einem amerikanischen College geben. So waren unsere Tage voll gepackt mit einem Meeting nach dem anderen von „How to maintain your visa status“ über „Wellness 101“ („Get enough sleep and get a vibrator“) zu Karaokesessions. Man wollte uns mit sanfter Gewalt auf die amerikanische Zeit bringen, da viele Mädels aus Asien ja eine 12h Zeitumstellung zu verkraften hatten.

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„Gender and Sexuality“ group discussion

Da die Toleranz gegenüber jeglicher sexueller Orientierung ein großes Thema am Smith College ist, war eine der Einführungsveranstaltungen dem Thema „Gender and Sexuality“ gewidmet. Angeleitet von einem netten halbdeutschen Transgender Mann namens Toby, der seinerzeit als Frau am Smith College begonnen hatte zu studieren, wurden wir in die Serpentinen die der menschliche Körper und seine Psyche einschlagen kann, eingeführt. Er erklärte die Unterschiede von Transgender (biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität stimmen nicht überein) und Cisgender (biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität stimmen weitgehend überein), Bisexualität (man fühlt sich zu beiden Geschlechtern hingezogen, “ Ich verliebe mich in den Menschen“) und weiteren sexuellen Orientierungsmöglichkeiten. Das mag für den Außenstehenden befremdlich wirken, wenn man sich jedoch im Smith-Umfeld bewegt, sind diese Informationen geradezu überlebensnotwendig. Obwohl offiziell ein Women´s College (ausser für Graduate Studies die sind „co-ed“, also für Männer und Frauen geöffnet) gibt es hier überdurchschnittlich viele Mädels, die sich als lesbisch, „bi-curious“ oder gleich ganz transgender identifizieren. Deshalb hat man im täglichen Unileben gar nicht unbedingt das Gefühl, an einem Frauencollege zu sein, da es so viele transgender Jungs gibt (ich bin mir zu diesem Zeitpunkt nicht sicher, ob das der richtige Ausdruck ist, das gilt es weiterhin zu eruieren).

 

 

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Paradise Pond – Campuseigener See und mein happy place

Damit wir uns untereinander besser kennen lernen, gab es jeden Abend aufwendige Dinners. An einem besonders schönen Sommerabend wurden wir zum Barbecue gebeten. Ich hatte im Gewusel meine AMS-Kolleginnen verloren und blickte suchend im Meer aufgeregter Studentinnen einher, als mich ein vergnügtes Mädchen ansprach. „I like your look, it´s so nineties“ verkündete sie und lud mich ein, gemeinsam mit ihren Freundinnen zu essen. Sie und ihre Freundinnen waren allesamt Stipendiatinnen des Bridge-Program für überdurchschnittlich begabte Studentinnen aus Familien, die sich die Studiengebühren von 60 000 $ im Jahr nicht leisten können (also ungefähr 99% Amerikas…). Als ich mich bei Veggieburger und sweet potatoe fries als Deutsche zu erkennen gab, meldete sich Jenny aus Texas zu Wort: „Germany, isn´t that near Poland?“ Nach dem wir Deutschlands topographische Lage schnell klären konnten, ratterte Jenny auf einmal unvermittelt sämtliche deutschen KZs auf polnischem Boden herunter. Ohne zu zögern verkündete sie:“ Majdanek, Sobibor, Auschwitz-Birkenau etc.“ Ihre Vorfahren waren zwar aus China eingewandert, waren aber Juden und sie hatte in einem Ort namens Candy nahe Dallas eine jüdische Privatschule besucht, mit der sie zum Ende der High School eine Tour durch Polen und Israel gemacht hatte. Und so kam es, dass ich mich an diesem Sommerabend bei einem Barbecue in New England wiederfand, mit einer Gruppe von asian-american 18jährigen Mädels über die deutsche Judenvernichtung in Polen und die Geschichte des Berges Masada in Israel diskutierend.

Ich war schwer beeindruckt, zum einen von Jenny, die so gut informiert war über all diese Themen aber auch von ihren Freundinnen, die voller Scharfsinn wie aus der Pistole geschossen eine kluge Frage nach der anderen stellten und gar nicht genug bekommen konnten, von meinem Leben in Deutschland und der jüdischen Geschichte. Es war eine sehr willkommene Abwechslung von den Debatten mit den AMS-Mädels über Kurswahl und Credits und eine Erinnerung daran, dass nichts so ist wie es scheint und schon gar nicht so ist, wie man es sich in seinem Oberstübchen im Laufe der Jahre zusammenklabüstert hat. Sicherlich repräsentieren die Mädels hier niemals den amerikanischen Durchschnitt, aber sie sind doch ein Teil Amerikas, mit ihrer Intelligenz und ihrer Neugierde.

Wenn eine Gruppe von 200 Mädchen aus aller Welt, die meisten von ihnen das erste Mal weit weg von zu Hause, auf einander losgelassen wird, gibt es aber noch wichtigere Dinge als europäische Geschichte: Karaoke and Icecream. Und so bedurfte es nach 5 Tagen in an Hysterie grenzender Atmosphäre unter lauter angehenden Freshmen keinerlei Gewalt mehr, auch uns AMSlerinnen zum Karaokesingen zu bewegen. Die sonst für Unternehmen solcher Art nötige Alkoholgabe wurde durch Icecream ersetzt und es hieß Vorhang auf für die „AMS-Girls“ und Michael Jackson´s „We are the World“. Dieses Abenteuer wurde selbstredend mittels zahlreicher Handykameras dokumentiert und umgehend auf facebook geposted, diese Daten werden jedoch zensiert bleiben.

Nach einer aufregenden und anstrengenden Woche fand die Orientation ihr Ende auf den Stufen der monumentalen John M. Greene Hall, wo wir, jede vom Fotografen einzeln positioniert, für ein Gruppenfoto in traditioneller Tracht (!) stramm standen.

 

Am nächsten Tag fand die „Honeymoonphase“ ein abruptes Ende, als wir erfuhren, was wir in diesem Semester alles zu bewältigen haben würden.

Doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag…

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Where the magic happens. A lot of it.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über das leibliche Wohl

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Was an europäischen Unis harter Alkohol ist, ist hier Icecream. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Collegekultur.

 

Jede Campus-Institution hat ihre eigene Icecream tradition zu der man regelmäßig eingeladen wird – die aktuelle Einladung kommt vom Smith Christian Fellowship. Das worst case scenario für einen Freitagabend bedeutet, nicht früh genug Downtown zu kommen, um auch dort wieder Icecream zu konsumieren. Nicht zu vergessen die regulären Icecream servings nach jedem Lunch und Dinner…

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Abgesehen von dieser Kalorienbombe nach jedem Essen, werden wir hier sehr gut verköstigt. Zu allen drei Mahlzeiten – Breakfast, Lunch und Dinner – kann man zwischen 10 Häusern und seinen unterschiedlichsten Buffets entscheiden und es gibt immer überall „healthy options“. Tofu, Tempeh und Bohnen in allen Aggregatzuständen scheinen z.zt der letzte Schrei zu sein, angesichts der zahlreichen veganen Studentinnen. Man isst meist in der Mensa, kann sein Essen aber auch überall mit hinnehmen, so zum Beispiel in den Community Garden, wo man dann zwischen selbstgezogenen Sonnenblumen sein Artichoke Stew speist.20140912_121225

Bleibt mir gewogen!

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“I cannot endure to waste anything so precious as autumnal sunshine by staying in the house.“

Nathaniel Hawthorne

Eigentlich wollte ich eben nach einem langen Tag am Schreibtisch nur einen kurzen “errand run” downtown machen. Aber ich endete irgendwie in einem versteckten Garten in der äußersten Ecke des Campus. Es ist doch eine echte Frischzellenkur, sich nach einem langen Unitag in so einem kleinen Paradies wiederzufinden.

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Unterdessen wurde die „Honeymoon-Phase“ nun durch die “Welcome to college reality” abgelöst. Deshalb war ich in den letzten Tagen zu sehr beschäftigt mit dem “state of being vs. non-being” (Essay über Virginia Woolf) und den “Memoirs of a mans maiden years” (Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts), als dass ich neue Beiträge hätte schreiben können.

Aber: Bleiben Sie mir gewogen, ich habe einiges in der Mache und es kommen hoffentlich bald neue Beiträge.

Unterdessen färben sich hier unaufhaltbar die Blätter und es wird Herbst. Die schönste Jahreszeit in New England ist eingeläutet. Das sah wohl auch Nathaniel Hawthorne so, seines Zeichens ein Kind Massachusetts‘.

 

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Words of Wisdom

„Ability is an expandable thing“

… verkündete der Sozialpsychologe Claude M. Steele in einem Vortrag im Rahmen der Orientation week. Er hat ein vielgelobtes Werk namens „Whistling Vivaldi – How Stereotypes affect us and what we can do“ geschrieben, dass er uns an einem Abend näherbrachte.

Words of wisdom

 

 

The Reason you are here should be the Engagement of your own mind. Taking yourself seriously should not be an accusation. Maybe you are not taking yourself seriously enough?

… so schloss die Professorin der heutigen “Women and Gender in contemporary Europe” -class. Wir hatten über Virginia Woolfs ”A Room of own´s own” diskutiert. Veröffentlicht 1929 beklagt Woolf darin den Mangel an weiblichen Romanautorinnen . Eigentlich ist es aber eine generelle Bestandsaufnahme der Situation der Frauen bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und eine Abrechnung mit dem Patriarchat – worth a read!

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