The road is life

“Our battered suitcases were piled on the sidewalk again; we had longer ways to go. But no matter, the road is life”

Amerika empfing mich mit strahlendem Sonnenschein. Im airtrain vom Airport zur Newark Central Station glitzerte Manhattans sagenumwobende Skyline am Horizont, meine schwedischen Abteilgenossen aber tatschten unbeeindruckt auf ihren iPhones umher.

Skyline NYC

Skyline NYC

 

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Bald bestiegen mein Koffer und ich den NJTransit, der uns zur New York City Penn Station bringen sollte. Wir teilten uns einen Doppelsitz. Neben uns saß eine geschätzt 75jährige Dame mit falschen Nägeln im Leoprint. Diese unterrichtete ihren toupettragenden Ehemann im selbst für nonnativespeaker unüberhörbaren breitem Jerseyaccent, über die bevorstehende Party zur Feier des 100jährigen Wahlrechts für Frauen in Amerika, bevor sie sich fachkundig ihrem iPhone widmete– welcome to America. Als ich schwer schnaufend den Koffer zum Aussteigen bereitstellte, sprach Sie mich lauthals an: „ It must be very cooooold from where you come from“. Eine schonungslose Referenz an mein Schnaufen im Wollpullover. Als ich Sie über mein origin unterrichtete, antwortete sie mitleidig : “ I´m only happy you got here safe , the world is in a turmoil right now“. Das ist doch das tolle am Reisen – irgendwo, weit weg von zu Hause, trifft man für einen kurzen Moment auf einen Menschen, der ausspricht, was einem seit Wochen im Kopf umhergeistert. That´s what travelling is for.

 

20140818_134439Jeder der nach NYC reist, passiert „at some point“ Penn Station, sozusagen der Hauptbahnhof NYCs. Jeder Tourist darf sich also mindestens einmal vollkommen von der Lautstärke, dem Gestank und den unfassbaren Menschenmassen überrumpeln lassen. Hat man endlich nach Stunden des angestrengten Schilderlesens das Licht des Tages erreicht, findet man sich in dem viel besungenen „concrete jungle“ wieder. Ich musste zeitnah die port authority erreichen, um meinen Greyhound Bus nach Northampton zu bekommen. Also nahm ich ein cab. Ein Polizist hievte meinen Koffer ins Auto und ab ging es durch die Mitte mit einem freundlichen chinesischen Fahrer, mit dem ich allerdings nur durch eine Glasscheibe kommunizieren konnte. 10 Blocks on 8th Avenue währte diese Premiere, vorbei am berühmten New York Times Gebäude des Architekten Renzo Piano.

20140818_134151Nach der 5-minütigen Fahrt verabschiedete mich der Fahrer mit einem fürsorglichen „Be careful“ in ein Meer von Taxis, durch das Koffer und ich mehr oder weniger elegant hindurchtänzelten. Ich kaufte das Ticket nach Northampton und genoss erstmalig die unendliche Auswahl an Essensmöglichkeiten in Amerika. Port Authority zeigte gleichzeitig schon die enorme Wohlstandsschere die sich in Megastädten wie New York auftut: Teure Giftshops und Schmuckgeschäfte auf der einen Seite, Obdachlose, Prügeleien und Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Ticket zu lesen, auf der anderen.

Endlich im Greyhound Bus, sichere ich mir einen Platz ganz vorne, neben einer weintraubenessenden Italoamerikanerin. In meinem vom Flug betäubten Zustand waberte die Stadt im angenehmen Sicherheitsabstand an mir vorüber. New York fesselt durch eine seltsame Poesie. Es herrscht nur scheinbar Verkehrschaos, bei genauerer Betrachtung muten die Straßen mit mindestens vier Spuren wie ein wohlchoreografiertes Modern Dance- Stück an. Zwischen schmucklosen Backsteingebäuden ragen immer wieder elegante Jahrhundertwendebauten empor, deren Charme jedoch schnell wieder durch einen heruntergekommenen Kiosk auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht wird. New York hat nichts gemein mit den eleganten Zentren europäischer Hauptstädte, wo sich die Altbauten majestätisch und leicht hochnäsig von den polierten Bordsteinen emporheben. Hier ist es irgendwie roher, essenzieller.

Nachdem wir mehrere Hausbrände und Autounfälle passiert hatten, fädelte sich der schwerfällige Bus endlich auf dem Highway gen Norden ein. Nach einem Umstieg in Amerikas Versicherungshauptstadt Hartford (mich dünkt, das einzige was man über Hartford wissen muss) landete ich nach 20 Stunden Reise um Punkt 20 Uhr in Northampton, Massachusetts. Ein letztes Mal zerrte ich für diesen Tag den inzwischen schon leicht lädierten Koffer hinter mir her, in Richtung Hotel. Dort angekommen, sank ich in mein Queensizebett und träumte von planes, trains and automobiles.

It´s a good bye

“What is that feeling when you’re driving away from people and they recede on the plain till you see their specks dispersing? – it’s the too-huge world vaulting us, and it’s good-bye. But we lean forward to the next crazy venture beneath the skies.”

 

Alles begann am 18. August auf der Rückbank eines vollgestopften VW Up. Eingepfercht zwischen meinem neuen Koffer, dem Drucker (der seine neue temporäre Heimat bei meiner Mutter finden sollte), den „Hüpfball“ auf dem Schoß, ging es um 7 Uhr morgens nach Hamburg-Fuhlsbüttel. Dort trafen wir schon bald auf meine liebsten Freunde Merle, Szymon und Tini. Bei deren Anblick flossen bereits erste Tränen. Zeit für Sentimentalitäten blieb jedoch wenig, schon beim Einchecken fiel ich hart auf den Boden des US- Immigrationlaws zurück: Erst akzeptierte der seltsame portable Computer des freundlichen United Mitarbeiters meinen Reisepass nicht und ich wähnte bereits Schwierigkeiten aufgrund meiner Tschetschenien-Affinität. Wohlgelaunte deutsche USA-Liebhaber mit Stetson auf dem Kopf zogen munter an mir vorüber, mein Reisepass aber wurde rejected und meine Lieben mussten alles von der „sideline“, jenseits des United Airlines Bandes, verfolgen. Als ich endlich zum Gepäck vorgedrungen war, dann die nächste freudige Überraschung. Vom entlastenden Namen meines Gepäckstückes – Basic Ultralight – beflügelt, hatte ich den Koffer mit 7kg überfüllt. Also flogen schon bald vor versammelter Mannschaft sämtliche Ingredizien des Koffers durch die Gegend. Meine treuen Begleiter standen halb geschockt, halb amüsiert jenseits der Bande und dokumentierten alles mit ihren Handys. Nach einer Weile kam eine besorgtdreinblickende Airport-Mitarbeiterin und kündigte das baldige Eintreffen der Mutter an, die, against the rules, die Bande überwinden durfte. So fanden wir uns auch an diesem denkwürdigen Morgen beim Wühlen in den Untiefen von Taschen wieder. Ich vererbte einige Kosmetik an Merle und Tini und konnte endlich erhobenen Hauptes die Security durchschreiten. Dank Zufallsprinzip von Seiten der US Homeland Security musste ich noch einen extra Security Check überwinden. Dort musste ich mich erneut sämtlichen Schmuckes (loads, as usual), Gürtel und Schuhen entledigen. Wie einst Jesus am Kreuze stand ich im berühmten Bodyscan und wurde hernach mittels eines seltsamen Feudels nach Sprengstoff abgesucht. Das Sicherheitspersonal jedoch war sehr freundlich und regte sich gemeinsam mit mir über die überkandidelten amerikanischen Sicherheitsvorkehrungen auf.

Der Flug verlief ohne Probleme, ich saß eingepfercht zwischen zwei freundlichen mittelalterlichen Damen from Germany, die eine vegetarisch, die andere carnivor/italienisch. Jede Stunde scheuchte ich meine vegetarische Nachbarin auf, um auf der Toilette thrombosevorbeugende Kniebeugen zu machen. Wir  redeten neben dem üblichen Austausch von Freundlichkeiten wenig, jede befand sich allein in ihrem interspherischen Vakuum. Als wir uns aber eine erfreuliche Stunde zu früh im Anflug auf Newark Airport befanden, ergriff die Vegetarierin plötzlich das Wort und forderte Auskunft über mein Vorhaben. Sie hatte bereits dezidierte Vorstellungen von meinem möglichen Vorhaben in „the States“. So fragte sie unumwunden, ob ich mit einem Stipendium in den USA studieren würde und wenn ja welches. Als ich sie darüber in Kenntnis setzte, war das Gespräch auch schon wieder beendet und ich vertiefte mich mit der carnivoren Hamburgerin zu meiner Linken über Shuttlemöglichkeiten nach NYC Port Authority. Als wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit anschickten, den Flieger zu verlassen, drehte sich die Vegetarierin im Gang um, wünschte mir ein schönes Jahr und drückte mir etwas in die Hand mit den Worten: „ Und tun Sie mir einen Gefallen – kaufen Sie sich was schönes. Ich war damals auch für ein Jahr drüben und ich hatte das beste Jahr meines Lebens. Ich hatte nicht viel Geld und bekam etwas geschenkt. Genießen Sie es!“. Ich getraute mich nicht, den Inhalt meiner Hand zu überprüfen, bis ich allein auf der Flughafentoilette war. Sie hatte mir einfach so 40$ geschenkt.

Auch bei der vielbefürchteten „immigration“ line, lief alles glatt. Dort traf ich eine Hamburgerin, die auch in den USA studieren wollte. Ihr sah man die Mühen des Abganges in der Heimat deutlich an, ebenso wie mir vermutlich. Sie hatte prägnante Augenringe bis zu den Mundwinkeln. Der Immigration-Officer strafte mich mit Desinteresse, lediglich meine Fingerabdrücke wurden genommen und schon hatte ich den Stempel im Pass.

Noch schnell durch den Zoll, vorbei an einer deutschen Familie die mir detailliert ihren Reiseplan skizzierte und ich setzte meinen erschlafften Fuß erstmalig auf amerikanischen Boden.