Cycle of Violence – Keine Anklage in Ferguson

Aus gegebenem Anlass breche ich meine Arbeitsbedingten Bloghiatus mit einem Bericht über die Entwicklungen, die sich am heutigen Abend in den USA entfalteten.

Der Mord an dem 17jährigen Michael Brown aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri schlug am 9. August auch jenseits des Atlantik Wellen: Der Polizist Darren Wilson hatte den unbewaffneten Brown mit mehreren Schüssen niedergestreckt, da dieser den Aufforderungen Wilsons, die Straße gen Gehweg zu verlassen, nicht folge leistete (wer weiterlesen möchte findet unten interessante Links!) In der Folge kam es in den ganzen USA zu Ausschreitungen, die Bilder von landesweiten Demonstrationen gingen um die Welt: Um die Demonstranten in Schach zu halten, wurde militärische Ausrüstung aufgefahren (Unten gibt’s die Links zur Chronik der Ereignisse) die an einen Kriegszustand erinnerte.

14749613978_9dcd5d7838_z

 

 

Canfield Drive - der ORt an dem Michael Brown erschossen wurde und seine Leiche 4 Stunden lang

Canfield Drive – der Ort an dem Michael Brown erschossen wurde und seine Leiche 4 Stunden lang

Grundsätzlich gilt in den USA im Falle von Selbstverteidigung eines Polizisten gegen einen vermeintlichen Kriminellen keine Strafverfolgung und das Tragen einer Waffe durch eine Privatperson ist erlaubt. Ob es sich im Falle Michael Browns Tötung durch Darren Wilson um Selbstverteidigung oder um Mord handelte, entscheidet im US-Bundesstaat zunächst die Grand Jury: Hier entscheiden bis zu 23 Nicht-Juristen (ähnlich den Schöffen in Deutschland) nachdem sie jegliches Beweismaterial gesichtet haben, ob ihrer Meinung nach genug Beweise für eine Anklage des Polizisten Wilson vorliegen. Heute wurde das Urteil der Grand Jury bekannt gegeben.

Nachdem sich in den letzten Monaten eine sich immer weiter erhitzende Debatte über „race related issues“ entsponnen hatte, wurde die Entscheidung der Grand Jury auch hier am Smith College ungeduldig erwartet.

15027906161_576a17b454_z

Zufällig fiel das Abwarten auf die Entscheidung zusammen mit unserem allwöchentlichen AMS-Seminar, in dem wir über Probleme der amerikanischen Gesellschaft nachdenken. Die heutige Sitzung war ursprünglich dem Thema Security Policy gewidmet, doch wir kamen schnell auf die Ereignisse in Ferguson und die Reaktion in den amerikanischen Medien zu sprechen. Allein in der letzten Woche waren zwei weitere Fälle durch die Medien gegangen, in den (weiße) Polizisten auf (unbewaffnete, schwarze) Passanten geschossen hatten. Erst am Samstag war in Cleveland, Ohio der 12jährige Tamir Rice von einem Polizisten erschossen worden, der die Spielzeugpistole Rices fälschlicherweise für eine echte Waffe gehalten hatte. Aus New York City erreichte einen letzte Woche die Nachricht, dass der unbewaffnete Akai Gurley von einem NYPD-Officer erschossen worden war. Sowohl Rice als auch Gurley hatten einen afroamerikanischen Hintergrund.

Aus gegebenem Anlass verließen wir im Seminar also die Welt der Diplomatie und reihten uns ein in die Reihe Millionen Amerikaner, die lange vergeblich auf die Verkündung des Urteils gewartet hatten. Gegen Mittag Eastern Time hatte die Grand Jury ihre Entscheidung getroffen, erst um 21 Uhr wurde die Entscheidung verkündet. Warum ist fraglich. Es wird spekuliert, dass man darauf wartete, dass die meisten Leute zu Hause sind, um größere Ausschreitungen zu verhindern. Ein Hinweis auf die politische Sprengkraft des Themas.

14844356018_438bbed6a6_z

Als der Generalstaatsanwalt Missouris mit einiger Verspätung endlich vor die Kameras trat, hatten wir in Ermangelung neuer Entwicklungen gemäß der US-Medienkultur bereits sämtliches über ihn und seine Vergangenheit erfahren: sein Vater, ein Polizist, war selber „in the line of duty“ erschossen worden, was Kommentatoren zu wilden Spekulationen veranlasste. Nach langen Ausführungen verkündete er das Urteil der Grand Jury: No indictment. Keine Anklage. Die Zeugenaussagen hätten sich widersprochen, was eine Anklage unmöglich mache.

20141124_205820

Ferguson-Livestream im Seminar

 

Die Spannung in unserem Pop-Up Public-Viewing der besonderen Art war merklich spürbar und keiner sagte ein Wort. Interessant, wie man so schnell in die Ereignisse mithineingezogen wird. Nun muss also ein Polizist der einen unschuldigen, unbewaffneten 17jährigen erschoss, nicht mit Konsequenzen rechnen. Der Professor des AMS-Seminars hatte nichts mehr zu sagen und entliess uns mit den Worten „Another day in America“ in die Nacht. Der Großteil meiner Kommilitoninnen eilte hernach wie immer pflichtbewusst zurück an den Schreibtisch (einige, um papers über racial segregation zu schreiben), das Einhalten von Deadlines war ihnen wichtiger. Ich machte mich jedoch mit zwei Mädels auf in die Campus Chapel. Die wegen ihrer mangelnden Positionierung zu einem weiteren racism-Problems des College stark kritisierte Präsidentin des Colleges hatte geladen, um über die Ereignisse zu diskutieren. Ich war neugierig, wie das wohl von statten gehen würde und erwartete eine proppenvolle Veranstaltung. Nachdem wir die Stufen der Kapelle erklommen hatten, fanden wir uns jedoch allein vor dem gesammelten Leitungspersonal des College wieder: Die Präsidentin, ihr omnipräsenter Ehemann Bill, die Vizepräsidentin und die wichtigsten Deans blickten uns erwartungsfroh entgegen – wir waren die einzigen die den Weg zu dieser seltsamen Veranstaltung gefunden hatten. Leider habe ich von diesem Get-together keine Photos, da ich zu beschäftigt war, krampfhaft nach Small Talk Themen zu suchen. Nun saßen wir also da und schwiegen mit betretener Miene („time to reflect“), nur unterbrochen von der obligatorischen Frage nach den Thanksgivingplänen und dem erwarteten Schneesturm. Nach einer Weile schloss sich uns dann eine von den Ereignissen offensichtlich sehr mitgenommene First year an, die mit Piepsstimme über ihre Gefühle reflektierte.

Die Situation war in so vieler Hinsicht mehr als strange: Zum einen, dass wir die einzigen waren, die gekommen waren. Zum Anderen aber auch, dass niemand wirklich etwas sinnvolles zu sagen hatte. Jeder hing irgendwie seinen Gedanken nach und keiner traute sich, Stellung zu beziehen. Ich glaube, das kann symptomatisch mit diesem offensichtlich so tiefsitzendem kulturellem Problem des immer noch virulenten Rassismus verstanden werden: Die intellektuelle „Elite“ (repräsentiert vom Leitungspersonal eines New England College) ist schockiert über diesen „cycle of violence“ wie Präsidentinnengatte Bill es nannte, fordert zum Dialog auf, traut sich jedoch nicht, etwas zu äußern, aus Angst, missverstanden zu werden. Und viele, insbesondere schwarze Mitstudentinnen, bleiben dem Unterfangen gänzlich fern, da es von Weißen angeleiert wurde. Das mag für europäische Ohren sehr merkwürdig klingen, aber so präsentierte es sich heute Abend. Als wir in der Kapelle saßen, steckten zwei schwarze Studentinnen die Köpfe durch die Tür, offensichtlich bereit, sich uns anzuschließen. Nachdem sie unsere kleine, vollständig weiße Gruppe erblickten, zogen sie sich jedoch schnell wieder zurück. Die ansonsten still und auffallend verschreckt wirkende Präsidentin kommentierte den Rückzug der Mädels mit den Worten „Well, we´re all white“. Ich war zunächst sehr verwundert über diese Äußerung. Als ich aber hinterher meiner Schweizer Freundin Paloma (die Tochter eines Senegalesen und einer Spanierin) davon berichtete, sagte sie, sie und ihre schwarzen Freundinnen am College wollten heute Abend nicht mit Weißen über die Ereignisse in Ferguson reflektieren – „We want to be just in our group“.

Ich wollte zu bedenken geben, dass diese Art des Umgangs den Graben zwischen den „races“ doch weiter vertiefen würde und wir uns doch weiter gemeinsam damit auseinandersetzen müssten. Ich hielt meine Äußerung glücklicherweise aber rechtzeitig noch zurück. Denn mir wurde heute klar, dass ich zur Zeit in einer Gesellschaft zu Gast bin, in der Rassismus nicht nur in Hörsälen diskutiert wird, sondern täglich auf den Straßen des Landes erlebt wird. In den USA „black“ zu sein, bedeutet, einer Gesellschaftsgruppe anzugehören, die sich immer noch der beständigen Drohung von Diskriminierung und Verletzung ausgesetzt sehen muss. Für diese Gruppe bedeuten die Ereignisse des heutigen Tages nicht nur distanzierter Schrecken oder Verwunderung über die Ereignisse in einer fremden Gesellschaft. Sie sind wegen ihrer Hautfarbe unmittelbar betroffen, denn sie leben in einem Land, in dem unschuldige, unbewaffnete Menschen erschossen werden können, da sie aufgrund ihrer Hautfarbe eine potenzielle Gefahr darstellen.

Ich könnte noch lange weitermachen mit Erkenntnissen über Probleme der amerikanischen Gesellschaft, aber so viel für heute. Eigentlich sollte es nur eine kurze Momentaufnahme werden, das ist mir nicht gelungen. Ausserdem repräsentieren meine Äußerungen meine spontanen Erkenntnisse und ich bin gespannt, wie sich das Ganze, inklusive meine persönlichen Eindrucks über die Lage, weiter entwickeln wird. Wer möchte kann gerne unter folgenden Links weiterlesen. Während ich schreibe kommen erste Nachrichten über Ausschreitungen in Ferguson und den Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Auch die Frage, ob die Familie Michael Browns, einen Civil Case – eine Klage um Schadensersatz – anstrebt, ist noch nicht geklärt.

Eine Chronik der Ereignisse vom 9. August -24.11.2014: http://www.nytimes.com/interactive/2014/11/09/us/10ferguson-michael-brown-shooting-grand-jury-darren-wilson.html?hp&action=click&pgtype=Homepage&module=a-lede-package-region&region=top-news&WT.nav=top-news&_r=0#/#time354_10512 )

 

Über den Mord am 12jährigen Tamir Rice in Ohio: https://abcnews.go.com/US/tamir-rices-toy-gun-indistinguishable-real-gun-cops/story?id=27137979

 

Über den Mord an Akai Gurley in NYC: http://www.nbcnewyork.com/news/local/Akai-Gurley-Peter-Liang-NYPD-Pink-Houses-Shooting-Homicide-Ruling-283696031.html

 

Werbeanzeigen